Softsexfilme sind ein Genre, das vielleicht alle 5 bis 10 Jahre einen medialen Hype erzeugt. Zuletzt war das der erste Teil von 50 SHADES OF GREY in 2015, in 2020 gibt es wieder einen: 365 DAYS. Ein Mafiaboss entführt eine junge Frau und gibt ihr ein Jahr Zeit, sich für ihn zu entscheiden. Ein Schelm, wen das Gefühl des Eingesperrtseins an den Lockdown erinnert. Doch der Film wurde natürlich vorher abgedreht.
365 DAYS thematisiert in gewisser Weise genau das als Erotikdrama. Eine liberale Frau aus Warschau, Laura Biel (Anna-Maria Sieklucka), kommt mit ihrem Freund in eine ländliche Region Italiens, wo sie vom skrupellosen jungen Mafiaboss Massimo Toriccelli (Michele Morrone) entführt wird, der in einer Welt der strikten Codes lebt. Er gibt ihr 365 Tage Zeit, ihn lieben zu lernen, und verspricht ihr dafür ein Leben in Luxus. Sie ist durchaus renitent, wird dementsprechend auch mal hart angefasst, und begeht irgendwann eine Kardinal(!)sünde: Sehr freizügig angezogen macht sie einen gegnerischen Mafioso an und löst damit einen Mafiakrieg aus. Ein Krieg, der im Endeffekt zum Scheitern eines Happy Ends führt.
So weit hergeholt das scheint, so überraschend sind die Übereinstimmungen zwischen der Mafiabande unter der Führung von Massimo und der polnischen PIS-Partei unter Jaroslaw Kaczynski. Der Film liest sich wie eine Metapher der polnischen Verhältnisse: Totaler Wirtschaftsliberalismus der PIS wie der Mafia, bei gleichzeitigem Autoritarismus. Gleichzeitig erhält das Soziale, das Beschützende seinen Raum – sofern man nach den konservativen Regeln der Partei bzw. der Mafia handelt. Massimo ist Laura ewig treu und beschützend. Man darf den Film also getrost als konservatives Machwerk sehen, in dem die Konservativen Polens die Progressiveren zur Liebe zwingen (und die Progressiven von Anfang an zugeneigt sind), die zwei ungleichen Teile, die nicht zusammen finden können, selbst wenn sie wollen. Wollte man die Zusammenhänge auf die Spitze treiben, kann man selbst die Ermordung von Massimos Vater aus der Luft gleichsetzen mit dem Flugzeugabsturz von Jaroslaw Kaczynskis Zwillingsbruder Lech.
Um das Frauenbild des Films scharen sich zwei Parteien. Zum einen die Frauenfantasie, dass ein Märchenprinz alles für einen macht und bestimmt, zum anderen wird Laura ja einfach gekidnappt und gezwungen, jemanden zu lieben. Ist das nun ein Werbefilm für aggressive Zwangsheirat – weil die Frau erst gar nicht weiss, was sie will, und es erst „erkennen“ muss -, oder handelt es sich um die Fantasie, nicht nur sexuell die Kontrolle auf- und sich in die Arme des Mannes zu geben, sondern gleich auch noch emotional? Man mag das sehen, wie man will – doch sicher ist: 365 DAYS ist in sich ein Film, in dem es um das Interesse des Mannes an der Frau geht. Laura steht am Anfang des Films nämlich in einer festen Beziehung, doch ihr Freund Martin (Mateusz Lasowski) kümmert sich überhaupt nicht um sie. Laura ist sehr unzufrieden mit der Beziehung und – so erzählt es uns der Film – „wünscht“ sich den Mafiaboss in ihr Leben, den Mann, der sie unter Liebesschwüren nicht gehen lassen will, bis sie sich ebenso bekennt wie er. Dementsprechend ist die erste Begegnung der beiden so inszeniert, dass Massimo wie als (fiktiver) Wunschtraum ihrer Vorstellungswelt erscheint: Sie läuft in Massimo hinein, blickt nochmal auf und er ist gar nicht da. Ist also die ganze Story ihrem Begehren geschuldet, endlich von einem Mann wirklich wahrgenommen und begehrt zu werden? Der Wunsch, dass der Mann Liebesbezeugungen macht?
Leider bleibt der Mann ein rücksichtsloser Mafioso. Er schafft es nicht, seiner (Männer-)Rolle zu entkommen, worin der wahre Grund für das Scheitern der „gedrehten“ Beziehung (und des Unhappy Ends) liegt.
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365 DNI | Polen 2020 | Regie: Barbara Bialowas,Tomasz Mandes | Drehbuch: Tomasz Klimala | Musik: Mateusz & Michal Sarapata | Kamera: Bartek Cierlica | Darsteller: Michele Morrone, Anna-Maria Sieklucka, Bronislaw Wroclawski, Otar Saralidze, Magdalena Lamparska u.a. | Laufzeit: 114 Min.