In einer Zeit, als Fernreisen für normale Menschen noch unvorstellbar waren, nahm das Genrekino seine Zuschauer mit rund um die Welt. Und das nicht nur in exotischen Abenteuerfilmen, bei denen die fremden Handlungsorte sozusagen wichtigster Darsteller waren. Auch Thriller, die im Grunde genommen überall hätten spielen können, machten sich noch besser vor fernen Kulissen. Man denke nur an Wolf C. Hartwigs Hongkong-Krimis und Filme ähnlicher Machart, die verband, dass sie nicht nur auf das Fernweh des Zuschauers spekulierten, sondern ihre Plots mit einem in seiner Fremdheit latent bedrohlichen Ambiente aufluden. Dann und wann wurde dieser Trick auch im Horrorfilm angewandt.
Ruf und Bekanntheit eines Filmes sind auch immer mit seiner Auswertungsgeschichte verbunden. George P. Breakstons Nippon-Grusler DAS MONSTER VON TOKIO aka THE MANSTER aka THE SPLIT wurde 1960 zwar von United Artists in die amerikanischen Kinos gebracht, entstand aber für Breakstons unabhängige eigene Produktionsfirma, die in Folge offensichtlich vergaß, das Copyright zu verlängern. Der Film geriet so in den Public Domain und wurde bis vor kurzem nur auf technisch mehr oder weniger unbefriedigenden Billigausgaben auf VHS und DVD ausgewertet. Erst eine von Fans des Streifens schon länger herbeigesehnte Blu-ray ließ den Film kürzlich in den USA erstmals in sehr guter Qualität erstrahlen. Das deutsche Ostalgica-Label hat sich jetzt nicht lumpen lassen und den hierzulande nie gelaufenen Film in ebenso guter Bildqualität und sogar mit einer eigens angefertigten deutschen Synchronfassung innerhalb seiner CLASSIC CHILLER COLLECTION herausgebracht. So kann man nun auch hierzulande den Film, der stets im Schatten ähnlicher B-Monsterfilme jener Jahre stand, neu betrachten und bewerten.
Von klassischen Vorbildern wie DIE INSEL DES DR. MOREAU und DR. JEKYLL UND MR. HYDE über Werwolf-Motive bis hin zu modernem Body-Horror kann der Zuschauer in DAS MONSTER VON TOKIO diverse Horror-Motive (wieder)entdecken. Auch die skurrile Idee eines Mannes mit zwei Köpfen auf der Schulter wurde danach noch einige Male aufgegriffen. Hier beginnt die Reise ins Grauen mit ein paar Tropfen Schlafmittel im Drink („Japanischer Whisky schmeckt aber seltsam, Herr Doktor“) und einer Injektion. Danach folgt die zunächst psychische Wandlung des Helden mit Absturz in Trunk und Ehebruch (die japanischen Geishas waren damals aber einfach auch viel zu willig), dann wird es haarig. Der Moment, als unser Held, eh schon mit den Nerven fertig, auf seiner Schulter ein Auge entdeckt, ist auch heute noch schauerlich und zählt zur meistzitierten Szene des Filmes. Aus dem Auge wird im Nullkommanichts ein zweiter Kopf, der aussieht wie eine Kokosnuss mit Zähnen. Am Anfang denken Stanfords Kollege Ian und die eigens angereiste Ehefrau Linda noch, sie müssten Larry nur auf moralisch stabiles Terrain zurückhelfen, dann geht es um Leben und Tod, denn Stanford wird zur mörderischen Bestie.
George P. Breakstons Regie ist kompetent und verschwendet keine Zeit, der nur 73 Minuten kurze Film lief in den USA im Double Feature mit Georges Franjus AUGEN OHNE GESICHT (1960), dem er natürlich in Sachen Grauen wie Poesie klar unterlegen ist. Peter Deneley und Jane Hylton (damals auch im wahren Leben verheiratet) erfüllen ihre Rollen trotz der haarstäubenden Vorkommnisse mit dramatischem Ernst. Darsteller Satoshi Nakamura, den Genrefreunde auch in Filmen wie DAS GRAUEN SCHLEICHT DURCH TOKIO (1958), MOTHRA BEDROHT DIE WELT (1961) und U 2000 – TAUCHFAHRT DES GRAUENS (1963) entdecken können, schafft es, dem sprichwörtlich über Leichen gehenden Wissenschaftler einen Rest Menschlichkeit einzuhauchen. Überhaupt kann man dem Film nicht vorwerfen, eine Rechnung à la Amerikaner = gut, Japaner = böse aufzumachen. Jerry Ito spielt einen sehr kompetenten Polizisten, ohne den der arme Larry wohl heute noch mit zwei Köpfen in Tokio herumspuken würde.
Die Gestaltung der CLASSIC CHILLER COLLECTION mit Amaray im Schuber und somit zwei unterschiedlichen Covermotiven gefällt. Bonusmaterial zum Hauptfilm sucht man außer einer Bildergalerie vergeblich. Um diesen Mangel auszugleichen, hat Ostalgica, wie schon bei einigen Veröffentlichungen zuvor, einen Bonusfilm mit auf die Blu-ray gepackt: die Polit-Satire DER WERWOLF VON WASHINGTON (1973) auf Deutsch und Englisch, allerdings in VHS-Qualität, aber einem geschenkten Wolf guckt man nicht ins Maul. Auf CD liegt dann auch noch ein trashiges Horror-Hörspiel bei, MIT DEN INSEKTEN KAM DAS GRAUEN, eine neuere Produktion basierend auf einem Bastei-Heftroman der Siebzigerjahre. Wer sowas mag, wird seine Freude haben.
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The Manster | USA 1959 | Regie: George P. Breakston & Kenneth G. Crane | Darsteller: Peter Dyneley, Jane Hylton, Satoshi Nakamura, Terri Zimmern, Norman van Hawley, Jerry Ito u.a.
Anbieter: Ostalgica