Die Agent 077-Reihe gehört definitiv zu den besseren Eurospy-Filmen aus den Sixties. Und im Titel des zweiten (von drei) Filmen ist alles drin, um OPERATION BLOODY MARY als beinahe würdiges James-Bond-Rip-off zu verkaufen: eine „Mission“, Blut, eine (gefährliche, also sexy) Frau (mit Blut an den Händen), viele weitere Frauen, und nicht zuletzt natürlich der alkoholische Drink mit dem großartigen Namen. Und es geht gleich gut los.

Es regnet in Strömen, als ein Verantwortlicher des britischen Militärs nachts auf der Straße von einer Frau mit Panne angehalten wird. Die Asiatin (Maryse Guy Mitsouko) ist sexsignalrot gekleidet, enge Hosen, durchsichtige und durchnässte Bluse, unter der sich ein schwarzer BH mehr als nur abzeichnet. Unser Held durchschaut nicht das Offensichtlichste und will ihr helfen, wird mit einer Taschenlampe mit Bajonett traktiert, später natürlich umgebracht und an seiner Statt findet ein feindlicher Agent den Zutritt in die abgeriegelte britische Militärzone, wo sich eine völlig neue Atombombe mit Übernamen „Bloody Mary“ befindet. Und kurz darauf: „befand“.
Klarer Fall, wir sind im italienischen Eurospy-Universum, das nach den ersten drei James-Bond-Filmen mit eigener Ware reingrätschte, durchaus anspruchsvoll kopierte und gern noch ein, zwei Zacken aufdrehte (wo es das kleinere Budget erlaubte). Da besagte entführte Atombombe natürlich von den USA entwickelt wurde und nach einem Flugzeugabsturz der US-Armee in Europa geborgen werden musste, muss auch ein CIA-Mann ran: Jack Clifton (Ken Clark). Gezeigt wird uns allerdings nicht das CIA-Hauptquartier in Langley, sondern das Pentagon. Sieht ja auch viel besser aus.
Diese Art der Kamerafahrt, die eine Szenerie einführt, indem sie erst an Einrichtungsgegenständen und besonderen Objekten entlangfährt, um uns in Spannung zu halten, ist eine typische Establishing-Einstellung des Spionagefilms der Sechziger. Meist dann verwendet, wenn ein Held etwas sucht und wir nicht wissen, ob sich böse gesinnte Menschen im Raum verstecken. Was diese Einstellung in den konsumorientierten sechziger Jahren auch leistet: Sie macht die von der Kamera abgesuchten Gegenstände zu Fetischen der Konsumgesellschaft – erst recht im vorliegenden Shot, in dem Fetische einer erotisierten Atmosphäre gezeigt werden.
Hier wird unser Held einhaken. Eine Ärztin/Agentin, die extrem auf Clifton steht, lädt ihn abends in einen Stripclub ein, in dem die beiden weitere Informationen erhalten werden. Dort darf er nämlich der asiatischen Stripperin (Mitsouko) den BH öffnen, in dem die versteckte Botschaft „Go back to your hotel. I will call you“ steht. Natürlich findet er die Schönheit in der Dachwohnung, in die sie ihn vom Hotel aus gelockt hat, tot vor – und eine irre Verfolgungsjagd mit dem Mördern über die Dächer von Paris rundet die Vorgänge in Frankreichs Hauptstadt ab, mit dem dramaturgischen Zusatz, dass Clifton seinen Revolver, der eine Kugel mehr als üblich in der Trommel hat (9 statt 8), gewinnbringend einsetzen kann, weil – wie immer bei so Ausnahmerevolvern – der Feind mitzählt.
An den Gestaden Trinidads dann ein interessantes Bond-Zitat. Die Umkehrung der berühmten Szene aus DR. NO: Nicht eine Frau entsteigt hier dem Meer zu asianischer Musik (die ja im Hollywood der fünfziger Jahre für exotische Erotik in Sandalenfilmen stand), sondern unser männlicher Potenzprotz Jack Clifton. Und nicht eine Frau sitzt da an den Gestaden und fischt, sondern ein adretter Mann. Weshalb Sergio Grieco da eine homoerotische Spannung aufbauen konnte und wollte, wird storytechnisch zwar nicht klar, aber meine Vermutung ist: Clifton-Darsteller Ken Clark war in Tat und Wahrheit gar nicht so sehr dem weiblichen Geschlecht zugetan wie seine Filmfigur, sondern eher dem männlichen. Vielleicht war das eine humoristische Verneigung Griecos vor seinem Hauptdarsteller.
Denn dass das Herauskommen aus dem Meer, das in DR. NO mit der animalischen Ursula Andress und ebenfalls als Zitat in DEADLIER THAN THE MALE von zwei mordenden Frauen durchgeführt wird, gehört beinahe zu den mythischen Szenen des Spionagefilms. Es ist die perfekte Frau (oder eben der perfekte Mann), der den Tiefen des Meeres, des Unterbewusstseins, entsteigt. Die Fantasie, die plötzlich auftaucht. Nicht die Frau oder der Mann aus der näheren Umgebung wie Moneypenny, sondern der Reiz des Unbekannten – denn darum geht es ja im Agentenfilm.
Alles soll nicht verraten werden, doch das Action- und das Spannungslevel bleiben bis zum Ende auf gutem Niveau. Und natürlich siegt die kapitalistische Welt über die beiden kommunistischen Schurkenstaaten… doch was hätte wohl Regisseur Sergio Griecos Vater zu diesem amerikafreundlichen, antikommunistischen Agentenfilm gesagt? Wenn meine Informationen stimmen, handelte es sich bei Sergios 1955 verstorbenem Vater um niemand geringeren als den berühmten italienischen Kommunisten Ruggero Grieco, bedeutend für die Gründung und den Aufbau der einst so großen italienischen kommunistischen Partei, des PCI, im Jahr 1921. Während Mussolinis Herrschaft im Exil in der Schweiz und in Moskau, wo er für die antifaschistische Radiopropaganda zuständig war, um nach dem Krieg schließlich für die Propaganda- und die Landwirtschaftssektionen der PCI zuständig zu sein. Was hätte also Ruggero über MISSIONE BLOODY MARY gesagt?
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Agente 077: Missione Bloody Mary, Italien/Spanien/Frankreich 1965| Regie: Sergio Grieco | Drehbuch: Sandro Continenza, Leonard Martin, Marcello Coscia | Musik: Angelo Francesco Lavagnino, Titelsong: Ennio Morricone, gesungen von Maurizio Graf | Darsteller: Ken Clark, Helga Liné, Philippe Hersent, Maryse Guy Mitsouko, Umberto Raho, Silvana Jachino | Laufzeit: 101 min.
Anbieter: Pidax