Ein Festival der politischen Mitte.

Der Hauptpreis des Festivals – Eine wirkliche Filmentdeckung

UNGEDULD DES HERZENS (D 2025), eine modernisierte Adaptation des klassischen Stefan-Zweig-Romans aus dem Jahre 1939, dessen erzählte Zeit eigentlich im Vorfeld des 1. Weltkriegs angesiedelt ist, gewinnt den Hauptpreis der diesjährigen Jury um die Schauspielerin Sibel Kekilli (bekannt aus Fatih Akins GEGEN DIE WAND, D/TR 2004) und den Regisseur Burhan Qurbani, der 2020 gleichfalls mit einer gegenwartsbezogenen Verfilmung eines deutschen Romanklassikers sehr erfolgreich war, nämlich Alfred Döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ (1929) aus der Endphase der Weimarer Republik.

Lauro Cress, der den aktuellen Zweig-Film geschrieben und inszeniert hat, macht dabei nahezu alles richtig. Er findet zwei exzellente jugendliche Schauspieler für die Hauptrollen (Ladina von Frisching und Giulio Brizzi, beide Träger der diesjährigen Darstellerpreise), die auch ein jugendliches Kinopublikum des Jahres 2025 ansprechend finden kann und ersetzt den melodramatischen Schluss der Vorlage, in dem die kranke, gelähmte junge Frau aus gutem Hause Selbstmord begeht, nachdem sie verstanden hat, dass ihr Verlobter, ein Offizier der österreichisch-ungarischen Armee, ihr keine Liebe, sondern nur Mitleid entgegenbringt, durch ein nüchternes und gewissermaßen sachliches Ende ohne extreme emotionale Eskalationen.

In der Version von Lauro Cress sind beide Hauptfiguren liebesunfähig, was sowohl eine Stärke als auch gleichzeitig eine Schwäche seiner modernen Umdeutung darstellt: Die Tochter des Bauunternehmers bleibt selbstbewusst pragmatisch und lässt sich nicht wirklich von ihren Gefühlen mitreißen. Der junge Bundeswehrsoldat setzt wahrscheinlich seinen militärischen Gammeldienst in einem Wachbataillon fort und langweilt sich weiterhin auf protokollarischen Staatsempfängen zu Tode.

Den Bundeswehrsequenzen fehlt es leider an Überzeugungskraft, der Regisseur hat auch in einem Publikumsgespräch folgerichtig bedauert, dass er sich nicht wirklich in das militärische Milieu seiner Hauptfigur einarbeiten konnte. Es fehlt da an Tiefe und Komplexität, insbesondere im Vergleich zur literarischen Vorlage. Zweigs Soldat zieht nach dem Tod seiner Verlobten im Angesicht einer ernstzunehmenden Gefahr für Leib und Leben in den 1. Weltkrieg, bei Lauro Cress lauert nur der stumpfsinnige Routinedienst der Bundeswehr. Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges der vergangenen Jahre hat sich auch die Wahrscheinlichkeit für bundesdeutsche Soldaten erhöht, in Kampfeinsätze verstrickt zu werden. Auf diese veränderte Wahrnehmung des Miltärs in Deutschland lässt sich der Film nicht ein. Der von Giulio Brizzi mitunter etwas zu sorglos verkörperte Charakter wird vorrangig auf seine physische Attraktivität reduziert, ein bisschen mehr Reflexionsvermögen über die ethischen und moralischen Grundlagen seines Jobs hätten da nicht geschadet. Mutmaßlich gingen bundesdeutsche Künstler in der Vergangenheit eher davon aus, dass Kriege etwas sind, was immer woanders stattfindet und ohnehin nicht nach Deutschland kommt…

Trotz kleinerer konzeptioneller Schwächen in diesem Film macht die Kameraarbeit UNGEDULD DES HERZENS zu einem überragenden Kunstwerk. Würde es einen Preis für die beste Bildgestaltung auf dem Festival geben, so müsste er an Jan David Gunther gehen, dessen meisterlicher Umgang mit der Schärfentiefe kongenial die Beziehungen und Emotionen der Filmfiguren zueinander für den Zuschauer sinnlich erfahrbar macht. Gunthers Fotografie und Cress‘ Mise en Scène evozieren bei der Betrachtung ein Kraftwerk der Gefühle, wie es seit Jahren in keinem Filmdebüt mehr zu sehen war…

Die Jugendjury feiert das Kino und das Leben mit einem fulminanten Film

Lediglich die Jugendjury des Wettbewerbs bedachte die große handwerkliche Perfektion in Freddy MacDonalds Debütlangfilm SEW TORN (CH/USA 2024) mit ihrem Preis. Eventuell war auch das in einer Schweizer Heimatfilmkulisse realisierte Filmvorhaben für die Hauptpreisjury in allen Bereichen zu perfekt und glatt, möglicherweise störte man sich auch an der internationalen Ausrichtung der filmischen Realisierung, also dem ausschließlich englischsprachigen Schauspieler-Cast, der mit Namen aus einigen international bekannten Großproduktionen aufwarten konnte, wie beispielsweise John Lynch, Caroline Goodall oder Eve Connolly.

Gezeigt wurde der Film im englischen Originalton mit deutschen Untertiteln, wodurch eine besondere lustige Künstlichkeit in das Setting einer ländlichen Bergidylle hineingetragen wird, in dem mit Sicherheit normalerweise kein Eingeborener Englisch spricht. SEW TORN ist natürlich nicht nur deswegen komisch, sondern eine gutgeschriebene, schräge Action-Krimi-Groteske mit vielen überdrehten, surrealen Momenten und gelungenen, effizienten Special Effects. Im Mittelpunkt steht die verwaiste Näherin Barbara, die das Geschäft ihrer kürzlich verstorbenen Mutter vor dem Ruin retten möchte und in turbulente Screwball-Comedy-Verwicklungen mit widerborstigen Kunden, Verbrechern und einem extrem bösartigen Killer gerät. Hierbei gibt es einen Kipp-Punkt, an dem die junge Barbara eine Entscheidung treffen muss, die ihr Leben schicksalhaft verändern kann, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten.

Der Amerikaner Freddy MacDonald verarbeitet und zitiert mit großer Könnerschaft seine filmgeschichtlichen Vorbilder: Allgegenwärtig ist der schwarze Humor der Coen-Brüder aus FARGO – BLUTIGER SCHNEE (USA/GB 1996) und NO COUNTRY FOR OLD MEN (USA 2007) oder auch Sam Raimis EIN EINFACHER PLAN (USA/GB/F/D/J 1998). Diverse Traditionen des europäischen Autorenfilms werden ebenfalls aufgegriffen, etwa die alternativen Erzählvarianten ein und derselben Geschichte aus Krzysztof Kieślowskis DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE (PL 1981/1987) oder LOLA RENNT (D 1998) von Tom Tykwer, aber auch der märchenhafte, magische Realismus und die vielen skurrilen, digital bearbeiteten Gimmicks aus DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (F/D 2001) von Jean-Pierre Jeunet spielen eine Rolle.

SEW TORN bietet schöne Oberflächenreize, aber auch philosophische Tiefendimensionen in einem jugendlichen, cinephilen Lichtspiel, das letztlich auf naive Weise Freude am Kino und der Schönheit des Lebens vermitteln will.

Das Max Ophüls Filmfestival 2025 – Ein exzellenter Jahrgang

Alles in allem bot das Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 nach einem mediokren Eröffnungsfilm ein fulminantes Wettbewerbsprogramm, in dem sich einige filmkünstlerische Entdeckungen machen ließen, die auch (fast) alle in hinreichendem Maße mit den zugehörigen Preisen bedacht wurden. Der deutschsprachige Filmnachwuchs ist auf einem guten Wege, die cineastische Flaute infolge der Corona-Krise scheint ausgestanden zu sein. Der Kurs der Festivalleitung, die politische Mitte des Saarlandes an sich zu binden, bleibt vielversprechend.

Postskriptum: Anmerkungen zu Preisverleihung und anschließender Filmparty in der Saarbrücker Eventhalle „E-Werk“

Die Preisverleihung sollte im nächsten Jahr wieder etwas würdevoller gestaltet werden und nicht durch halb-infantile und pubertäre Kalauer einer überforderten Moderation belastet werden. Das kulinarische Angebot auf der danach folgenden Filmparty war für saarländische Verhältnisse erstaunlich dürftig: Minderwertiges Fastfood zu überhöhten Preisen an zwei Food Trucks vor der Eingangstür. Zahlende Partygäste mussten dort in ihren Sonntagsklamotten im strömenden Regen im Schlamm für ihr überteuertes Essen anstehen und dieses dann an Ort und Stelle herunterwürgen. Vielleicht sollte man in Zukunft auf eine solche Abschlussparty verzichten und diese Kosten in die Optimierung des Festivalangebots investieren, bevor man finanzielle Ressourcen in die Organisation einer Party fließen lässt, die am Ende dann gar keine ist. Dieses etwas schäbige Ende einer wirklich gelungenen Festivalausgabe bleibt bedauerlich.

46. Filmfestival Max Ophüls Preis
2025

Fotos: ©
Carlos Vasquez/Amerikafilm (ROTE STERNE ÜBERM FELD), Jan David Gunther (UNGEDULD DES HERZENS), Philip Gröning Filmproduktion GmbH (SCHAM), Mafilm (ICH STERBE. KOMMST DU?), Mux Filmproduktion, Ralf Noak (MUXMÄUSCHENSTILL*), SewTornLLC ORISONO (SEW TORN), Dschoint Ventschr (BAGGER DRAMA), Werner Stein, Festival Max Ophüls Preis