Feine Plakatkunst vom Krudesten.

Bevor der dritte Band vielleicht schon erscheint, soll hier der zweite Band doch besprochen werden. Für die „Giallo Movie Posters“ wurde wieder liebevoll Werbematerial gesammelt, dieses Mal von den schönsten Thrillern Italiens aus den Jahren 1970/71. Man sieht bereits: Nur zwei Jahre füllen einen ganzen Band. Tatsächlich spitzt sich in diesen Jahren die Menge an Gialli enorm zu, 10 in 1970 und 40 in 1971, um dann 1972 den Höhepunkt an Filmproduktionen zu erreichen (my guess: „Volume 3“ dieser Buchserie wird sich ausschliesslich dem Jahr 1972 widmen).

Wenn Band 1 mit Mario Bavas SEI DONNE PER L’ASSASINO begann, dem wohl als erstem und in jedem Fall als wegweisendem Giallo geltenden Film, so beginnt Band 2 mit dem Film, der im Februar 1970 Premiere hatte und dessen Genialität den erwähnten Boom überhaupt erst anheizte: Dario Argentos DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE. Und wie es seiner Bedeutung für das Genre entspricht, gilt das auch für die Werbung. Die ersten 16 Seiten des Buchs drehen sich ausschließlich um die Plakate von Argentos Film, und ja, die Plakate bieten auch visuellen Genuss und sind interessante Artefakte in Hinblick auf die Unterschiede der Bewerbung in den Ländern. Franco Picchioni hat zwei Poster illustriert, eines überaus stylish mit dem Bild einer Toten, der das Messer noch im Hals steckt, das andere gibt beinahe unverfremdet die berühmte Mordszene am Anfang  des Films wieder. Ohne damit eine Aussage machen zu wollen zu generellen Gestaltungsunterschieden zwischen den Ländern (die ja oft dasselbe Bildmaterial unterschiedlich collagieren), sind die Ausprägungen immer wieder interessant. Japan mit gewohnter Plakativität und Drastik klemmt Suzy Kendalls panisches Gesicht zwischen ein aufgeklapptes Rasiermesser und zeigt eine blutige Leiche. Während das deutsche DIN-A4-Plakat „nur“ Eva Renzis panisches Gesicht umgeben von zwei schwarzen Handschuhen zeigt – geschuldet der Tatsache, dass man Argentos ersten Giallo als Film der Bryan-Edgar-Wallace-Reihe vermarktete. Natürlich eine reine Marketingmaßnahme. In der DDR (!) dagegen wurde der Film als Edgar-Wallace-Film vermarktet. (Wer jetzt stutzt: Bryan Edgar Wallace ist der Sohn von Edgar Wallace, der sich an ähnlichen Stoffen versuchte.) Aus Frankreich/Argentinien gibt es ein illustrativ abstrahierteres und ästhetisches Motiv (auch wenn auch hier einer Frau die Kehle durchgeschnitten wurde). Dänemark: überraschend brutal, in einem simplen, effektiven Illustrationsstil. Und am ästhtetischsten – natürlich – das Plakat von der Meisterin des eleganten, grafisch versierten Filmplakats, Jouineau Bourduge.

Die Werbemittel (es sind ja nicht ausschließlich Plakate) entfalten auch heute noch ihre Wirkung: Man verliert sich nicht nur in der hochgepitchten visuellen Welt von Sex und Gewalt, sondern man erliegt auch dem Reiz, einige dieser Filme sofort (wieder) anzusehen. Das Buch macht nicht nur wieder Lust auf Mario Bavas BAY OF BLOOD, Sergio Martinos DER SCHWANZ DES SKORPIONS oder Lucio Fulcis LIZARD IN A WOMAN’S SKIN, und natürlich die weniger bekannten, aber zum Teil besseren Filme von Castellari, Tessari und wie sie alle heißen, sondern bringt immer wieder Filme an der Grenze zum Giallo zum Vorschein, von denen zumindest ich noch nie gehört habe. Die französisch-italienische Koproduktion SANS MOBILE APPARENT (NEUN IM FADENKREUZ) von 1971 (Regie: Philippe Labro) trumpf nicht nur mit Jean-Louis Trintignant, Dominique Sanda, Laura Antonelli, Sacha Distel und Stephane Audran auf, sondern mit einer Verbreitung bis in die Welt des real existierenden Sozialismus. Das kubanische Plakat ist höchst reduziert (eine Stirn, ein Fadenkreuz), und das polnische erweist sich als disruptiver Ausreißer aus der gesamten Giallo-Plakatkunst mit seiner äußerst stilisierten Illustration und der an eine Art Computermodernität der 1970er Jahre angelehnten Typografie.

Manche Filme bestechen auch mit unterschiedlichen Titeln (das weiss man ja, sieht‘s hier aber wunderbar). Fernando Di Leos  heftiger Film LA BESTIA UCCIDE A SANGUE FREDDO (übersetzt: „Die Bestie tötet kaltblütig”) kam in Deutschland als angebliche Konsalik-Verfilmung (sic!) unter dem Titel DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL in die Kinos. Nachdem diese absurde Verbindung nicht klappte, wurde er unter dem Titel DER TRIEBMÖRDER lanciert, in Verwandtschaft zum US-Titel THE SLAUGHTER HOTEL („Das Schlacht-Hotel“). In Frankreich waren die (zwei) Titel des Erotik-Horror-Giallos etwas mehr dem Inhalt des Films verpflichtet – …etwas: Der Film lief unter den Titeln LES INSATISFAITES POUPÉES ÉROTIQUES DU DOCTEUR HITCHCOCK (dt. etwa „Die unbefriedigten erotischen Puppen von Doktor Hitchcock“) und LES INSATISFAITES POUPÉES EROTIQUES („Unbefriedigte erotische Puppen“).

„Giallo Movie Posters Volume 2, 1970 – 1971“ ist ein Must für Freunde des Giallofilms, Freunde der Plakatkunst und alle, die einfach Spaß an den extremen, aber oft ästhetischen Werbemitteln haben.

Thorsten Benzel: Giallo Movie Posters Volume 2: 1970 – 1971. Frauenberg, 2025.
ISBN 978-3-9826607-1-4

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