Von Thorsten Krüger
Der dickköpfige Automechaniker Nikolai lebt mit seiner jüngeren Frau Lilya und dem heranwachsenden Sohn Roma in einem verwitterten Küstendorf an der Barentsee. Ein skrupelloser Lokalpolitiker will ihm Haus und Grundstück wegnehmen, weshalb Nikolai einen befreundeten Moskauer Anwalt einschaltet – mit furchtbaren Folgen für Nikolai und seine Familie.
Bei den Golden Globes 2015 als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet und bei den Oscars nominiert (aber leer ausgegangen), hat LEVIATHAN die russischen Behörden aufgeschreckt, die nun ein Gesetz erlassen haben, unter dem Vorwand der Vulgarität alle Produktionen, die nicht patriotisch genug ausfallen, als anti-russisch zu verdammen und zu verbannen. Das bestätigt exakt, was dieses traurige Epos dem Staat vorwirft.
Den Abstieg des versoffen-gewalttätigen Hitzkopfs Nikolai schildert Swjaginzew distanziert genug, um keine großen Sympathien zu wecken, obwohl wahrlich alle Verlierer sind, die bitter bezahlen müssen und in zunehmender Lebensmisere reichlich Verzweiflung erfahren. Das Gleichnishafte überwiegt in einer oft als Satire aufgefassten, kafkaesken Justizmühlentragödie, die Putins System der Rechtlosigkeit von Innen zeigt.
Roma am Walskelett, eine Kirchenruine, erhellt vom Lagerfeuer wie eine Ikone in der Finsternis, oder eine leere Tonne, herumgeworfen von schäumend-wilder Brandung – all das sind starke, vielsagende Symbole. „Warum, Gott? Ich verstehe das alles nicht“, fragt Nikolai. Nur es ist nicht Gott, dessen Baggergreifarm sein Wohnzimmer zerstört – es sind die Starken in Putins Russland, die dies straffrei verbrechen. Aber Gott sieht alles.
Erschienen auf Komm & Sieh
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Leviafan (Leviathan), Russland 2014 | Regie: Andrey Zvyagintsev, Buch: Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev | Mit: Aleksey Serebryakov, Elena Lyadova, Roman Madyanov, u.a. | Laufzeit: 140 Minuten, Verleih: Wild Bunch (Kinostart: 12.03.2015).