Richtig gut und nah am Puls der Zeit war das Genrekino immer dann, wenn sich ein Drehbuchschreiber aufgrund einer sensationslüsternen Zeitungsmeldung hinsetzte und in Windeseile ein Filmskript zusammenhäckselte, dass er am besten auch noch gleich selbst inszenierte. So geschehen bei Rolf Olsen und dessen ‚Opus Magnum‘ BLUTIGER FREITAG (1972) und gleichfalls geschehen bei Luigi Petrini und seiner Hochwassermarke KIDNAPPING… EIN TAG DER GEWALT – wer Parallelen zwischen beiden Filmen entdecken mag, sollte sicherheitshalber Papier und Bleistift zur Hand nehmen.
Ausgelöst durch das brutale und in die italienische Kriminalgeschichte eingegangene „Massaker von Circeo“ vom September 1975 dauerte es nicht lange, bis sich Genrefilme des Themas annahmen – einerseits, um mit der Aktualität und der Sensationsgier des Publikums Kasse zu machen, andererseits, um die traumatischen Ereignisse aus popkultureller Sicht zu verarbeiten. Mario Imperoli ließ seine Interpretation COME CANI ARRABBIATI – WIE TOLLWÜTIGE HUNDE (1976) auf die Kinos los, etwas später kam KIDNAPPING… EIN TAG DER GEWALT und mit ihm die volle Wucht der Stressbewältigung. Denn Petrini liefert inszenatorisch einen bunten Strauß: mutet das Herumtollen der beiden Bestien durch das Morgengrauen fast romantisch an und birgt eine latent homoerotische Konnotation, wandelt sich der Film immer mehr zum Stinker, als es Sadismen und ausufernde Gewaltexzesse setzt – male frustration did this. Dass das Ganze in Tirrenia spielt, einer der durch den Duce hingestellten Reißbrettstädte, und die beiden Bestien nie um systemkritische Verbalinjurien verlegen sind, wertet die Versuchsanordnung als grundlegend realitätsnah und zeitkritisch ein.
Auch KIDNAPPING… EIN TAG DER GEWALT kommt der Umstand zugute, dass er sein sichtbar beschränktes Budget mit einem hörbar unbeschränkten Soundtrack zu kaschieren weiß. Das kompositorische Dreigestirn aus Carlo Bixio, Fabio Frizzi und Vincenzo Tempera stellt eine Rhythmusgruppe auf Autopilot, schlägt den Bass bis Anschlag und flirrt mit viel Fender Rhodes und Synthesizer durch die Gegend, liefert atmosphärisch leiern-eiernde Cues mit Suchtfaktor. Mag auch ein Großteil der Filmmusik unveröffentlicht geblieben sein, an dem wuchtigen Hauptthema „Nucleo Antirapina“ kann sich jeder Besitzer des legendären Crippled-Samplers „Beretta 70“ berauschen.
Ein besonderes Zuckerl verbirgt sich hinter dem Button „Grindhouse erleben“: denn hierdurch versetzt es einen in den wohligen Retrorausch alter Bahnhofskinozeiten, wenn das dem in allen hier enthaltenen Versionen ungeschnittenen Hauptfilm vorangestellte Potpourri der Kinotrailer zu den kleinen und großen Meisterwerken THE DEMON – DER TEUFLISCHE (1979), CONVOY DER FRAUEN (1974), HURRA, DIE KNOCHENBRECHER SIND DA (1979), MUNICH MADNESS – STOSSTRUPP FREUDENSPALTE/STOSSTRUPP DER FEUCHTEN SPALTEN (1977) und DIE STRICKMÜTZE/DIE BULLEN AUF DEN HEISSEN FEUERSTÜHLEN (1976) abzuschnurren beginnt. Verpackt in einem schick anzusehenden O-Ring-Schuber, überrascht die Amaray mit dem wunderschön gezeichneten Italo-Plakat als Quercover und rundet den flankierenden Schangel stilvoll ab.
Aktualitätenkino mit Hang zum Sleaze, Europloitation-Film mit Bezügen zur realen Gegenwart – KIDNAPPING… EIN TAG DER GEWALT funktioniert in beide Richtungen, ob als Charakterstudie, Paradestinker oder Zeitkritik. Wer in diesem Terrorrestaurant einen Tisch bestellt hat, muss nicht hungrig zu Bett gehen. Bei Luigi Petrini und seinem persönlichen Meisterwerk sind noch alle satt geworden – jedem Italo-Filmfreund wünsche ich daher „Buon appetito“!
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Operazione Kappa: sparata a vista | Italien 1977 | Regie: Luigi Petrini | Darsteller: Mario Cutini, Marco Marati, Maria Pia Conte, Patricia Pilchard, Mario Bianchi, Maria Francesca u.a.
Anbieter: Subkultur Entertainment