Viktorianisches Grauen und Lovecraftscher Horror.

„(…) in der zweiten Nacht träumte ich die Szene am Fenster und die später in zwei Abschnitte geteilte Szene, in der Hyde, gejagt wegen eines Verbrechens, vor den Augen seiner Verfolger das Pulver nimmt und sich verwandelt.“ Robert Louis Stevenson

Freddy Krueger hat zahlreiche literarische Vorläufer. In „Die Frau aus dem Traum“ („The Dream Woman“, 1859) von Wilkie Collins träumt Isaac, dass eine Frau vor seinem Bett steht, um ihn mit einem Messer zu töten. Jahre später heiratet er Rebecca Murdoch, die der Frau aus dem Traum bis ins Detail gleicht. Nach einem verstörenden Erlebnis hat er Angst zu träumen. In „Das Ding auf der Schwelle“ („The Thing on the Doorstep“, 1937) von Howard Phillips Lovecraft besetzt der Hexenmeister Ephraim Waite mit seinem Geist den Körper seiner Tochter und später einen weiteren, um ewig weiterzuleben. Um dies zu verhindern, müsste der gegenwärtige Wirtskörper mit Feuer zerstört werden. Wie so oft soll Lovecraft zu seiner Geschichte durch einen Traum inspiriert worden sein, ebenso wie Robert Louis Stevenson zu seiner bekannten Erzählung über die „Doppelnatur des Menschen“: „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ („Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“, 1886).

Der weitestgehend aus der Perspektive der Jugendlichen Nancy Thompson erzählte NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME (A NIGHTMARE ON ELM STREET) von Wes Craven wurde 1984 zu einem unerwarteten Kinoerfolg. In der von Craven (und auch vielen Anhängern des Franchises) abgelehnten Fortsetzung NIGHTMARE II – DIE RACHE (A NIGHTMARE ON ELM STREET, PART 2: FREDDY’S REVENGE, 1985) vermengen sich Elemente der klassischen Schauergeschichte mit Lovecrafts kosmischem Horror. Regie führte Jack Sholder, der später den in Ansätzen thematisch ähnlichen Kultfilm THE HIDDEN – DAS UNSAGBAR BÖSE (1987) drehte und bereits 1981 für den Schnitt von BRENNENDE RACHE (THE BURNING) von Tony Maylam verantwortlich war: Der mit schweren Brandnarben entstellte Crospy, der Jugendliche eines Sommercamps mit einer Gartenschere tötet und zu einer Art Lagerfeuer-Mythos geworden ist, nimmt deutlich die Figur Freddy Krueger vorweg.

„Du hast den Körper und ich das Gehirn. Töte für mich!“

Ein Schulbus rast in die Wüste – eine surreale Höllenlandschaft in violetten und roten Farben. Der Busfahrer ist Freddy Krueger (Robert Englund). Seit der 17-jährige Jesse Walsh (Mark Patton) mit seinen Eltern und seiner Schwester in ein geheimnisvolles Haus gezogen ist, in dem eine junge Frau von ihrer Mutter gefangen gehalten worden sein soll, wird er von Albträumen wie diesen gequält. Krueger erscheint ihm, als er sich alleine den unheimlichen Keller ansieht und droht ihm, seinen Körper zu besetzen. Während sich im Haus darüber hinaus paranormale Phänomene ereignen, schieben Jesses Eltern das seltsame Verhalten ihres Sohnes auf schulische Probleme – er wird tatsächlich insbesondere von dem Sportlehrer Schneider (Marshall Bell), aber auch von Mitschülern schikaniert und gedemütigt. Der Vater (Clu Gulager) vermutet Drogenkonsum. Mehr über den seltsamen Mann in seinen Träumen erfährt Jesse gemeinsam mit seiner Freundin Lisa (Kim Myers) aus den Tagebuchaufzeichnungen von Nancy Thompson, die Lisa in Jesses Regal findet. In einer kalten Nacht erwacht Jesse aufgrund einer unerträglichen Hitze und findet sich plötzlich in einer Homosexuellenbar wieder,[1] in der er Schneider begegnet. Schneider zwingt Jesse, in der Sporthalle Laufübungen zu machen und nähert sich ihm mit Springseilen, offenbar mit sexueller Absicht. Daraufhin wird Schneider brutal getötet. Ebenso wird Jesses Freund Ron Grady (Robert Rusler) erstochen, nachdem Jesse ihn gebeten hat, wach zu bleiben, um seine vollständige Verwandlung in Krueger zu verhindern. Jesse bleibt alleine zurück und gilt als Mordverdächtiger. Bald darauf erscheint Krueger auf der Pool-Party von Lisas Eltern. Panik bricht aus, mehrere Anwesende werden verletzt oder getötet.

Liquid Witch Dreams

Als sich Jesse und Lisa nähern, verwandelt sich plötzlich Jesses Zunge in die violette, schlangenhafte von Freddy Krueger – eine deutliche Reminiszenz an den ersten Teil, als plötzlich Freddys Zunge durch Nancys Telefon schnellt. Vor allem bei Jack Sholder hat die Figur Freddy Krueger etwas Hexenhaftes, was sich besonders in der Nahaufnahme seines Gesichts zeigt, als er Jesse mit seinen Messern streichelt – diese Szene ähnelt einer sexuellen Verführung. Zu Beginn von FREDDY’S DEAD: THE FINAL NIGHTMARE (1991) von Rachel Talalay reitet Krueger optisch der bösen Hexe des Westens aus DER ZAUBERER VON OZ (THE WIZARD OF OZ, 1939) nachempfunden auf einem Besen. Sholder nannte diese Figur als wichtige Inspiration für seinen eigenen Film. Freddy Krueger erscheint in mehreren Teilen des Franchises als dämonischer Liebhaber, sowohl in weiblicher als auch männlicher Variante (Succubus und Incubus). Joey Krusel aus A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: DREAM WARRIORS (1987) von Chuck Russell wird von Freddy Krueger, der als Krankenschwester auftritt, an sein Bett gefesselt (hier spielt wieder eine obszöne Kuss-Szene eine wichtige Rolle, außerdem erinnert die Sequenz an den Mord an Schneider). Die Ambivalenz des Begriffs der Dream Woman kommt hier in der bereits von Collins verwendeten Form zum Ausdruck. In A NIGHTMARE ON ELM STREET 4: THE DREAM MASTER (1988) von Renny Harlin wird Joey schließlich in seinem Wasserbett getötet, nachdem er eine attraktive Frau erblickt hat – wiederum ist er einer Illusion Kruegers erlegen, was dem Begriff Liquid Dreams hier noch eine besonders düstere Bedeutung verleiht.

Vor allem die titelgebenden „Träume im Hexenhaus“ aus Lovecrafts Erzählung („The Dreams in the Witch House“, 1933) sind als erotische Fantasien der Hauptfigur Walter Gilman gedeutet worden. Die Parallelen zu Sholders Film sind deutlich: Ein junger Mann wohnt während seines Studiums im Dachgeschoss eines Hauses, in dem einst eine alte Frau lebte, die während der Salemer Hexenprozesse spurlos verschwand. Okkulte Rituale und grausame Morde sollen dort bis zur Gegenwart geschehen. Gilman wird eines Tages von mehreren Personen im Schlafanzug und in Begleitung der Hexe gesehen – bei Sholder findet sich eine Entsprechung, als Jesse nachts im strömenden Regen fast unbekleidet seinen Eltern übergeben wird. Bezüge zu Lovecraft sind vermutlich nicht zufällig. Der Drehbuchautor David Chaskin verfasste 1987 das Skript zu THE CURSE von David Keith, einem Science-Fiction-Horrorfilm, der auf Lovecrafts’ „Die Farbe aus dem All“ („The Colour Out of Space“, 1927) basiert.

Eine weitere, dunkle, an das Jekyll-Hyde-Motiv angelehnte Interpretation erscheint zulässig: Tagsüber ist Jesse ein freundlicher Schüler, nachts Freddy Krueger.[2] Ein unbeliebter Lehrer wurde getötet und Jesse trägt den Messerhandschuh Kruegers. Ebenso wird der Freund getötet, mit dem es seit Tagen Differenzen gibt, Jesse ist alleine mit dem Leichnam. Die Morde auf der Pool-Party wirken dilettantisch und Krueger, der alleine durch sein Aussehen Angst und Schrecken verbreitet und wie eine omnipotente Macht wirkt, verschwindet so plötzlich, wie er erschienen ist. Sind es vielleicht weniger erotische Träume als vielmehr Phantasien oder reale Gewaltausbrüche eines sensiblen Jugendlichen?

NIGHTMARE II ist ein unterschätzter, vielschichtig interpretierbarer Horrorfilm mit einem stimmigen Soundtrack von Christopher Young, dessen surreale Gesamtatmosphäre allerdings durch das aufgesetzte ‘Beauty-and-the-Beast’-Ende zerstört wird.

Fotos: Delta Film

Literatur

Abley, Sean und Tyler Doupé (ed.) (2024): Queer Horror. A Film Guide. Jefferson, North Carolina.

Derie, Bobby (2017): Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos. Ein intimer Blick auf H. P. Lovecraft und sein literarisches Erbe. Leipzig.

Collins, William Wilkie (1994): Die Frau aus dem Traum. In: Eichhorn, Gisela (Hrsg.): Sanfter Schrecken. Bern, München, Wien. S. 299-328.

Frayling, Christopher (1996): Alpträume. Die Ursprünge des Horrors. Köln.

Lovecraft, Howard Phillips (1996): Das Ding auf der Schwelle. In: Körber, Joachim (Hrsg.): Abgründe. Die besten Horrorgeschichten. Bern, München, Wien. S. 163-202.

Lovecraft, Howard Phillips (1992): Träume im Hexenhaus. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Schlimme Hexengeschichten. Frankfurt am Main, Leipzig. S. 185-234.


[1] Aufgrund dieser und weiterer Filmmomente gilt NIGHTMARE II zwischenzeitlich als „the gayest horror film ever made“.

[2] Die Sequenz, als plötzlich Messer aus Jesses Finger zu wachsen beginnen, erscheint deutlich von der Verwandlungsszene aus AMERICAN WEREWOLF (1981) von John Landis inspiriert. Auch die bei Stevenson beschriebene Verwandlung in Mr. Hyde erinnert an Werwolf-Legenden. Als Krueger Jesses Körper verlässt, erscheint dies wie eine bildliche Darstellung Jekylls eigener Interpretation seiner Verwandlung: ein lange eingesperrter Teufel trat plötzlich krachend aus ihm heraus.

FilmA Nighmare on Elm Streeet Part 2: Freddy’s Revenge
USA 1985
Regie: Jack Sholder
Darsteller: Robert Englund, Mark Patton, Kim Myers u.a.
Laufzeit: 87 min.

Fotos: ©
Delta Film

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