Verwahrlosung mit zwei Kids. Benedict Cumberbatch ist „Dad“, der Dad von zwei jungen Buben, der den Tod seiner Frau nicht verarbeiten kann und gleichzeitig die Jungs aufziehen muss. Der Horror, den er dabei emotional durchlebt, wurde von Dylan Southern auch gleich als sanfter, psychologischer Horrorfilm inszeniert.
Dad ist von Beruf Comiczeichner und dadurch in einer prinzipiell prekären Arbeitssituation. Allerdings nicht akut: Die Wohnung ist eine (sehr authentisch eingerichtete) englische Mittelstandswohnung, wie sie Akademiker mit anständigem Einkommen bewohnen. Dads Zeichentalent, Beruf und Berufung, wird nun zum Dämon des unverarbeiteten Todes, dargestellt mit einer Metapher aus seiner Tintenfeder, die sich immer mehr aus der schwarzen Tinte materialisiert: eine Krähe auf Papier, die sich zu bewegen beginnt, zu einem dunklen Schatten in der Wohnung wird, zu einem realen Menschenvogel. Plötzlich dringt auch ein realer Vogelschwarm in die Wohnung ein – und schließlich steht eine Riesenkrähe im Arbeitszimmer, die mit Dad spricht. Dumm nur, dass nur Dad sie sieht. Und schade, dass die Zuschauer längst begriffen haben, dass der quälende Vogel nur ein Fantasiegebilde in Dads Kopf ist. Das sieht zwar alles gut aus, doch ein Gefühl der Furcht lässt sich da nicht mehr auf die Zuschauer übertragen.
Dass Dad dann seine Boys immer mehr vernachlässigt, vergrößert das Drama. Dad verschläft, trifft kaum noch Menschen, kommt bei der Arbeit nicht weiter, lässt die Wohnung verwahrlosen und das Geschirr in der Küche vergammeln (ein Freund bei einem seltenen Besuch: „Deine Küche sieht aus wie von Tracey Enim.“). Kein Wunder also, kriegen die Kids Probleme in der Schule und zweifeln an ihrem Vater. Verlieren ebenso ihre Freunde.
Trotz Therapeuten kommt Dad nicht aus der Problemzone heraus. In Rückblenden sehen wir auch seine verstorbene Frau nie ganz, immer nur einzelne Körperteile in Unschärfe. Erst am Ende des Films (es gibt so etwas wie eine Katharsis, das sei verraten) sieht man sie kurz richtig auf einem Foto auf Whatsapp.
Fazit: Nicht immer, wenn Cumberbatch im Film herum-methodacted, ist‘s auch ein guter Film. THE THING WITH FEATHERS weiß leider nicht genau, ob er Horror sein will oder einfach eine Trennungsgeschichte oder einfach ein sehr schön ausgestatteter Film. Das zumindest ist er. Mit einem intimen, durchaus aufwühlenden Cello-Soundtrack. Apropos: Regisseur Dylan Southern hat bisher lediglich Musikfilme gedreht, sehr szenig und nicht die schlechtesten: MEET ME IN THE BATHROOM (2022) über die NYC-Musikszene von den Strokes, Yeah Yeah Yeahs bis LCD Soundsystem, SHUT UP AN PLAY THE HITS (2012) über die fantastischen LCD Soundsystem selbst und NO DISTANCE LEFT TO RUN (2010) über die nicht minder bedeutsamen Blur.
The Thing with Feathers
UK 2025
Regie & Drehbuch: Dylan Southern
Basierend auf: Max Proter “Grief is the Thing with Feathers.”
Kamera: Ben Fordesman
Musik: Zebedee Budworth
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Richard Boxall, Henry Boxall, Vinette Robinson, Sam Spruell u.a.
Laufzeit: 104 min.