Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 geboren und gilt als einer der bedeutendsten romantischen Schriftsteller, Zeichner und Komponisten. Aus Begeisterung für Mozart änderte er seinen dritten Vornamen in Amadeus um. Der in seinem Beruf als Jurist und im Privatleben unglückliche, früh im Alter von 46 Jahren verstorbene Hoffmann schrieb mit der Erzählung „Der Sandmann“ (1816) eine der vielleicht unheimlichsten und abgründigsten Horror-Geschichten überhaupt. Der sensible Physikstudent Nathanael ist durch ein Kindheitserlebnis schwer traumatisiert. Sein Vater starb bei alchemistischen Experimenten unter rätselhaften Umständen. Im Wetterglashändler Coppola glaubt Nathanael den geheimnisvollen Advokaten Coppelius wiederzuerkennen, der bei den nächtlichen Experimenten anwesend war und den er schon als Kind mit dem dämonischen Sandmann assoziierte. Für Coppola sind seine Brille und ein Fernrohr, das er Nathanael gibt, Augen. Mittels dieser Augen könne Nathanael sehen, was „keinem andern Auge sichtbar“ sei. Hoffmann beeinflusste so unterschiedliche Regisseure wie Michael Powell, John Carpenter und Brian De Palma, aber auch David Lynch und Wes Craven.[1] BLUE VELVET (1986) und A NIGHTMARE ON ELM STREET (1984) können als Varianten des „Sandmanns“ gesehen werden, verlegt in scheinbare amerikanische Kleinstadt-Idyllen.
David Lynchs BLUE VELVET beginnt mit einer der besten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte, wie eine Komödie, die gerade diese Vorstadt-Romantik mit ihren gepflegten Gärten karikiert. Schnell verdüstert sich das Bild. Tom Beaumont (Jack Harvey) erleidet einen Schlaganfall. Sein Sohn Jeffrey (Kyle MacLachlan) findet nach einem Krankenhausbesuch auf einer Wiese ein abgetrenntes Ohr. (Lynch brachte Bild und Ton gerne auf ungewohnte Art und Weise zusammen.) Zwei Frauen werden Jeffreys Leben verändern: Sandy (Laura Dern), die Tochter des Ermittlers Williams (George Dickerson), die, obwohl sie in der direkten Nachbarschaft wohnt, ihm bisher nicht bekannt gewesen zu sein scheint, und die Nachtclubsängerin Dorothy (Isabella Rossellini), die er in ihrer Wohnung beobachtet und dabei Zeuge wird, wie der Gangster Frank Booth (Dennis Hopper) sie zu sadomasochistischen Spielen zwingt, die sie allerdings zugleich genießt. So entdeckt der naive Voyeur eine „fremde, merkwürdige Welt“ aus Brutalität und Perversion.
Jeffrey wird von Frank und seiner Gang auf eine „Joyride“ mitgenommen, immer wieder geschlagen und gedemütigt. Frank ist regelrecht besessen von einem Song von Roy Orbison, wobei einzelne Passagen in absurder Form sogar die Handlung wiedergeben: „A candy-colored clown they call the sandman / Tiptoes to my room every night (…) I close my eyes, then I drift away / Into the magic night, I softly say / A silent prayer like dreamers do / Then I fall asleep to dream my dreams of you / In dreams, I walk with you / In dreams, I talk to you / In dreams, you’re mine, all of the time!“ Während kurz eine Flamme eingeblendet wird, wacht Jeffrey auf.
„Feuerkreis – Feuerkreis! dreh dich Feuerkreis!“ E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann
Oft ist es Nacht in BLUE VELVET. Frank löscht mehrfach das Licht und sagt: „Jetzt ist es dunkel.“ Als Jeffrey das erste Mal Sandy begegnet, taucht auch sie aus dem Dunkel auf. David Lynch sagte 1986 in einem Interview zu seinem Film, es gehe um die „mysteries of darkness and love“.[2] Tatsächlich sind Traum und Realität gleichberechtigt dargestellt und nicht zu unterscheiden. J.F. Maxfield behauptet in seinem Essay über BLUE VELVET sogar, der gesamte Film sei der Traum seines Protagonisten.
Aber man kann das Ganze auch komplexer auffassen: als zwei gespiegelte Welten, die sich gegenseitig träumen. Am Anfang kippt die grotesk überzeichnete Idylle in einen Alptraum, der Film endet auf ähnliche Weise (s.u.). Protagonisten der Idylle sind Jeffrey und Sandy, ihr Gegen-Paar aus der „Alptraumwelt“ Frank und Dorothy – sie stellen alles dar, was sich ein biederes Pärchen an Bosheit und Verruchtheit vorstellen kann. Es wäre auch kaum zu glauben, dass der unbedarfte Jeffrey dieses Abenteuer unbeschadet überstehen könnte, er errät nicht einmal den Trick eines blinden Bekannten, der seine Finger zählt.
In diesem Sinn sind Frank und Dorothy der Traum von Jeffrey und Sandy. Frank erscheint dabei nicht wie eine konkrete Person – er spielt Kind, bemalt sich mit Lippenstift und küsst Jeffrey, dann verkleidet er sich als Mann im eleganten Anzug. Umgekehrt sind Jeffrey und Sandy der Traum von Frank und Dorothy, der Traum von einem anderen Leben, einer „heilen“ Welt.
Wir sehen lauter Familienbeziehungen. Jeffrey kehrt nach Hause zurück, weil sein Vater schwer erkrankt ist. Dieser ist mit Sandys Vater befreundet. Dorothy hat Mann und Kind verloren, Frank spielt sowohl Mann als auch Kind mit ihr. Wenn Frank ruft: „Baby will ficken!“, und Jeffrey im Schrank zuschaut, bilden die drei geradezu eine monströse Familie.
Was ist geschehen? Was ist Traum, was Realität? Auch in A NIGHTMARE ON ELM STREET von Wes Craven fällt es Jugendlichen immer schwerer, hier zu unterscheiden, vor allem, da sie in der Realität mit überforderten und abweisenden Eltern konfrontiert sind und in ihren Träumen von einem unheimlichen Mann angegriffen werden. Manchmal wirkt er mit seinen ausgebreiteten Armen wie ein riesiger Raubvogel,[3] was ihn auch physisch in die Nähe der von Hoffmann beschriebenen Albtraum-Figur rückt:
„(…) weißt du das noch nicht? Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“ E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann
Die Eltern der betroffenen Jugendlichen reagieren deshalb reserviert, da sie selbst einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit verbergen müssen. Als Tinas (Amanda Wyss) Nachthemd zerschnitten ist, wird sie von ihrer Mutter (Donna Woodrum) beschuldigt, es selbst mit ihren Nägeln zerfetzt zu haben. In der nächsten Nacht wird Tina im Traum erstochen. Während eines Traums in der Schule wacht Nancy (Heather Langenkamp), die Tochter des geschiedenen Ermittlers Thompson (John Saxon), mit einem verbrannten Arm auf. Ähnliche Verletzungen weist auch Marie bei E.T.A. Hoffmann auf, die in der Nacht zuvor beim grimmigen Kampf zwischen „Nußknacker und Mäusekönig“ (1816) in Mitleidenschaft gezogen wurde – ein Mitschüler von Nancy zitierte, kurz bevor sie einschlief, aus Shakespeares Hamlet: „Ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“
„Sprich nicht solch albernes Zeug, liebe Marie“, erwiderte die Mutter, „was haben die Mäuse mit dem Nußknacker zu tun. Aber du böses Kind, hast uns allen recht viel Angst und Sorge gemacht. Das kommt davon her, wenn die Kinder eigenwillig sind und den Eltern nicht folgen. (…); genug du stießest mit dem Arm eine Glasscheibe des Schranks ein und schnittest dich so sehr in den Arm (…).“ E.T.A. Hoffmann, Nußknacker und Mäusekönig
Als Nancy fast in der Badewanne ertrinkt, schiebt ihre Mutter Marge (Ronee Blakley) dies auf eigene Unaufmerksamkeit, schließlich würden ständig Menschen bei vergleichbaren Unfällen sterben. Die alkoholkranke Marge reagiert zunehmend paranoider und schließt ihre Tochter im Haus ein.[4] Sie erzählt ihr schließlich, vor Jahren hätten die Bewohner der Elm Street einen Mann namens Fred Krueger (Robert Englund), der mehrerer grausamer Morde beschuldigt wurde, in einem Heizungskeller verbrannt. Vom vergitterten Fenster aus beobachtet Nancy, wie ihr Freund Glen (Johnny Depp) getötet wird.
BLUE VELVET und A NIGHTMARE ON ELM STREET behandeln auch Traumata der amerikanischen Geschichte. Booth trägt den gleichen Nachnamen wie der Theaterschauspieler und Attentäter John Wilkes Booth, der 1865 Präsident Abraham Lincoln tötete – Jeffrey wird von seiner Tante gewarnt, in die Lincoln Street zu gehen – und am 22. November 1963 wurde Präsident John F. Kennedy in einer Elm Street ermordet. Beide Filme zeigen einen korrupten oder zumindest inkompetenten Polizeiapparat.
Einen Moment hält Frank inne und sagt zu Jeffrey: „Du bist wie ich!“ Nancy gelingt es, Krueger in die Realität zu ziehen, in der er gleich angreifbarer und verletzlicher ist. Wer sind Frank und Freddy, von deren früherem Leben wir entweder nichts erfahren oder nur rudimentäre Aussagen einer Frau, die selbst an einem Tötungsdelikt mitbeteiligt war? Hat Krueger wirklich getan, wessen er beschuldigt wurde, oder hat eine aufgebrachte Menge nur einen Schuldigen gesucht und sich für einen marginalisierten Außenseiter entschieden? Georg Seeßlen beschreibt Charaktere bei David Lynch wie Jeffrey, der in vielen Punkten Hoffmanns Nathanael entspricht, als junge Menschen, die von ihrer gesellschaftlichen Umwelt entfernt sind, in Masken, Höhlen oder Verstecken leben und doch hinaus müssen, um die Abgründigkeit und Geheimnisse der Welt zu erfahren. Was aber erwartet sie am Ende dieses Initiationsritus oder was sind sie selbst? Ein Sandmann? Ein Frank Booth? Ein Freddy Krueger?
Literatur
Hoffmann, E.T.A. (1989): Der Sandmann. In: Weber, Dietrich (Hrsg.): Gespenstergeschichten. Stuttgart. S. 338-387.
Kremer, Detlef (2012): E.T.A. Hoffmann: Leben, Werk, Wirkung. Berlin, New York. 2., erweiterte Auflage.
Kuzniar, Alice A. (1989): ’Ears Looking at You: E. T. A. Hoffmann’s „The Sandman“ and David Lynch’s „Blue Velvet“. In: South Atlantic Review 54, 2, 1989, pp. 7-21.
Maxfield, J.F. (1989): „Now it is dark!“ The child’s dream in David Lynch’s Blue Velvet. In: Post Script 8,3, 1989, pp. 2-17.
Seeßlen, Georg (2003): David Lynch und seine Filme. 5., erweiterte Auflage. Marburg.
[1] Der Regisseur David Lynch verstarb am 15. Januar 2025. Die Interfilm Akademie München zeigte BLUE VELVET am 12. April 2025 im Pop-up-Kino im Planet Harburg im Rahmen der Kriminologischen Filmreihe.
[2] https://youtube.com/watch?v=4ziGDFW1fnI, abgerufen am 12.01.2026.
[3] Eine der letzten Szenen von BLUE VELVET zeigt in verstörender Weise, wie ein Rotkehlchen einen zappelnden Käfer im Schnabel hält. Das vermeintlich positive Ende der Geschichte wird in Frage gestellt.
[4] Es finden sich thematische Parallelen zu Hoffmanns Erzählung „Das öde Haus“ (1817): Voyeurismus, Träume, das Geheimnis um eine eingeschlossene Frau. Die Geschichte erschien wie „Der Sandmann“ zuerst in dem Erzählzyklus „Nachtstücke“ (unter diesem Begriff könnten auch die beiden hier diskutierten Filme gefasst werden).