Was man Luc Besson zugutehalten kann: Er hat was Neues aus Bram Stokers „Dracula“ und aus unserem Halbwissen probiert, ohne den Originalroman völlig zu zerstören. Geworden ist daraus, trotz US-Schauspielern, ein sehr französischer Dracula: Ein liebes- und erotikbesessenes Paar, Paris ersetzt London als Handlungsort, Renfield ist eine Frau und der Held Dracula (Caleb Landry Jones) ist auch in jungen Jahren (es gibt eine Vorgeschichte von Count Vlad) kein adretter Herr, sondern trägt die Haare so lang französisch, wie wir das aus den Historienfilmen des Landes kennen (z.B. Daniel Auteuil in LE BOSSU oder Cassel in LE PACTE DES LOUPS). Hier als überaus fettige Haarpracht.
Dracula liebt Elisabetta Bathory (Zoë Bleu), muss aber gegen die Osmanen in den Krieg ziehen. Er besiegt die gegnerischen Truppen clever und souverän, was man diesem liebestrunkenen, eher pazifistisch eingestellten Grafen gar nicht zugetraut hätte – und wendet sich danach mit einem Mord an einem papstähnlichen Priester vom Christentum ab, weil Gott das Leben seiner Elisabetta nicht beschützt hat.
400 Jahre fast forward ins Paris des 19. Jahrhunderts: Eine hysterisch-erotisch agierende Maria (Matilda de Angelis) sitzt angekettet in der Salpêtrière, die Psychiatrie scheint ratlos. Also kommt ein exorzierender Priester (Christoph Waltz), der etwas umständlich Vampirismus diagnostiziert. Gleichzeitig reist Graf Dracula nach Paris, hat er doch von Maria gesteckt bekommen, dass die mit Harker verlobte Mina (Zoë Bleu) in Paris lebt.
Nun beginnt der Kampf zwischen dem christlichen Prinzip, Vampire zu töten, und der großen Liebe zwischen Dracula und Elisabetta. Wobei Mina noch gar nicht weiß und erst noch davon überzeugt werden muss, dass sie Elisabetta ist. So nebenbei bemerkt: Elisabeth Bathory, die hier recht liebenswert daherkommt, wird filmgeschichtlich üblicherweise als weibliche Version von Dracula gehandelt. Elisabeth Bathory ist so blutgierig und böse wie ihr männlicher Counterpart, mindestens ab Harry Kumels LES LÈVRES ROUGES (DAUGHTERS OF DARKNESS, 1971) bis Julie Delpys DIE GRÄFIN (2009), und ab den 2010er Jahren steht ihr Name in Filmen und Serien inflationär für die Blood Countess.
Der Film lässt sich auch so betrachten: Dass der über 400jährige Dracula sich eine junge Frau schnappt, die seiner alten Liebe gleicht und sie davon überzeugt, dass sie die Reinkarnation seines Frauen-Archetyps sei. Das wäre, nach den Vergewaltigungsanschuldigungen der jungen Schauspielerin Sand Van Roy sowie weiteren Anschuldigungen als eine persönliche Suche Bessons nach den Wurzeln seiner Leidenschaften zu sehen. (Um keine Verwirrung zu stiften: Besson wurde sowohl in Frankreich wie in Belgien von den Vorwürfen freigesprochen.)
Denn stets ist Besson auf der Suche nach Tiefe und Ursprung der Dinge. In IM RAUSCH DER TIEFE (1988) liegt in der Tiefe selbst die finale Erfüllung, in LUCY (2014) unternimmt die Protagonistin eine Zeitreise bis zu den Ursprüngen des Universums. Gleichzeitig geht es Besson auch um unkonventionelle Beziehungen. In DOGMEN (2023) um Douglas’ außergewöhnliche Beziehung zu Hunden, in LEON – DER PROFI (1994) um die Beziehung des Auftragskillers Léon zu einer misshandelten 12jährigen. Eine dritte Seite Bessons sind die Frauenfiguren wie Nikita (NIKITA, 1990) oder Anna (ANNA, 2019), die zu Femme Fatales mit Waffen herangezüchtet werden. All das fügt sich in Bessons DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG zusammen. Die Frauenfigur ist allerdings zweigeteilt in eine Irre (Maria) und ein Liebesobjekt (Mina, die reine Projektionsfläche bleibt). Für Bessonologen interessant, für alle anderen mäßig spannend.
Dracula – A Love Tale
Frankreich, England 2025
Regie & Drehbuch: Luc Besson
Kamera: Colin Wandersman
Musik: Danny Elfman
Darsteller: Caleb Landry, Jones, Zoë Bleu Sidel, Christoph Waltz, Matilda de Angelis u.a.
Laufzeit: 129 min.