Doomsday in den 40ern: Die Welt ist ein gefährliches Pflaster geworden. Anonyme Superschurken greifen aus dem Dunkel nach der Macht. Reichtum wie einst (etwa in der ersten Generation der „Fantomas“-Geschichten) genügt ihnen längst nicht mehr – die Weltmacht muss es sein, und nur der Zerfall oder die absichtliche Zerstörung der bestehenden Ordnung der Dinge kann ihnen diese ermöglichen, kann herbeiführen, was in einem der bekanntesten der vielen verschiedenen Popversen, rund um die Figur des „Dr. Mabuse“, die „Herrschaft des Verbrechens“ heißt.
Zum ersten Mal, seit die Bombe auf Hiroshima fiel, könne er wieder ruhig schlafen, sagt einer der Professoren, an deren Campus sich das Schicksal der Welt erfüllt und deren Gremium eine Art Ältestenrat bildet, in THE CRIMSON GHOST (DER MANN MIT DER TOTENMASKE, 1946). Er sagt es, nachdem sein Kollege Chambers seine neue Erfindung vorgestellt hat: Die Zyklotrode X kann die Funktion sämtlicher Maschinen und Motoren neutralisieren und sogar eine Atombombe außer Kraft setzen, somit als erste Verteidigungswaffe gegen einen Atomangriff auf die USA dienen.
Aber der „Scharlachrote Geist“, ein Superschurke in Hoodie-Cape und Totenkopfmaske, hat anderes damit im Sinn – die Wunderwaffe, im Großen nachgebaut, kann ebenso die Technologie eines ganzen Landes unbrauchbar machen, alle Maschinen zum permanenten Stillstand bringen, die die Zivilisation in Betrieb halten (wie es die Außerirdischen im späteren DAY THE EARTH STOOD STILL, 1951, vorübergehend tun werden, dort hingegen, um ein Exempel ihrer Macht zu statuieren). Sie ist damit ebenso eine Vernichtungs- wie eine Verteidigungswaffe, eine Schreckens- wie eine Friedenswaffe. Bald schon versucht der Rote Geist, das Gerät in seinen Besitz zu bringen. Aber als Professor Chambers die Zyklotrode stattdessen zerstört, entführt man kurzerhand ihn und versucht ihn zum Bau einer neuen, größeren zu zwingen. Im gut ausgestatteten Geheimlabor konstruiert Chambers einen Todesstrahl, dem er selbst zum Opfer fällt.
Der Rote Geist kennt keine Skrupel, Moral oder Gnade, geht über Leichen, um seine Ziele zu erreichen, und steht insofern unausgesprochen auch in der Tradition der Nazis, bereit, die Welt ins Chaos zu stürzen, um über die Schwachen zu herrschen. Eine willenbrechende Droge und Sklaven-Halsbänder, die dem Opfer Anweisungen geben und bei unerlaubter Entfernung explodieren, machen alle zu seinen willfährigen Zombies, die sich ihm nicht freiwillig unterwerfen. Ihm gegenüber gestellt ist mit Duncan Richards ein junger, sportgestählter Junior-Professor, der sich fortan als Superagent betätigen muss, um das Schlimmste zu verhindern. Er und die vier Professoren des Campusgremiums agieren als Exekutive, vertreten Regierung und Polizei in einem. Und Duncan Richards ahnt erst spät, dass einer der Professoren des Gremiums selbst der Rote Geist ist.
Die Serialwelt ist reduziert bis ins Extrem, Weltgeschehen konzentriert auf wenige, eher ländliche und eher symbolisch anmutende Schauplätze sowie die nötigste Personage. Der Rote Geist befehligt eine Bande von Schergen, die seine Pläne umsetzen – eine (kleine) Armee an Fußsoldaten in Anzug und Hut, dem klassischen Kleidercode des amerikanischen Gangsterfilms, die sie der bürgerlichen Erscheinung von Richards und den altehrwürdigen Professoren gleichstellt wie die Kehrseite derselben Gesellschaft. Nebenfiguren tragen die Arbeitskleidung ihrer Funktion. Als einzige Frau im großen Ringen um die Weltmacht tritt die Sekretärin Diana aus ihrer bürgerlichen Rolle heraus, um in burschikosen Hosen und Pullis als Richards‘ Assistentin bei der Detektivarbeit zu agieren. Die Welt ist schließlich in Not – in neuer Not, seit man die Tür zum Atomzeitalter geöffnet hat. Auch wenn die USA bisher noch die einzige Atommacht der Welt sind, kann man sich ohne Zyklotrode nicht mehr sicher fühlen.
Die Gangster von einst sind immer noch Öffentliche Feinde, aber in neuer Funktion der Schergen eines Superschurken – insofern nehmen die Serials ebenso die klassischen James-Bond-Abenteuer vorweg wie etwa auch die Ninja-Filme. Und entsprechend fungieren die repetitiv eingesetzten Faustkämpfe zwischen Richards und den Schurken als strukturierendes Element im Wechsel zwischen Attraktion und Narration – die Serials als Vorläufer der Martial-Arts-Filme späterer Zeitalter zelebrieren die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse als Arenakämpfe ohne Regeln. (Hier wird das Serial auch zur reineren Form des Kinos, weist auf die frühe Stummfilmzeit zurück, in der es immer mehr Geschehen als Handlung gab. Der auf Höhepunkte kondensierte Spielfilm-Zusammenschnitt zeigt dies umso deutlicher.) In einer Szene läuft Richards ein Stück die Wand hinauf wie ein Marvel-Superheld, um sich auf seinen Gegner zu stürzen. Überhaupt ist Richards nahezu unverwundbar, stark genug, um sich der Hypnose-Droge zu widersetzen und aus einer tödlichen Gaskammer zu entkommen. In einer Welt der Todesstrahlen, Todeskammern und Todeshalsbänder kehrt letztlich alles zur Körperlichkeit zurück.
Duncan Richards aber ist wie später James Bond durchaus beides, Intellekt und Kraft, Geist und Körper, vereint im Übermenschen, liefert sich mit dem Roten Geist ein Duell der Tricks, Fallen und Täuschungen und bekämpft die tumben Schergen mit Faust und Pistole. Sie seien von Klugheit hereingelegt worden, das müsse man auch in einem Feind anerkennen, stellt der Rote Geist fest, als er nach einer Aktion, die ihn ans Ziel bringen sollte, mit leeren Händen dasteht. Der Superschurke erkennt seinen Gegner als ebenbürtig an. Er weiß nun, er darf diesen nicht mehr unterschätzen, denn dieser ist ebenso ein Meister der Täuschung wie er selbst.
Folglich spielt und kämpft hier niemand sportlich, ist kaum jemand, was er zu sein scheint. Neben der Welt gibt es immer auch eine Schattenwelt, die als die realere erscheint, und man spielt um nicht weniger als die Sicherheit der angestammten Zivilisation und die Verhinderung der Apokalypse des Bösen, den Verkauf der Zyklotrode an eine „fremde Macht“ und damit den Weltuntergang (des Westens) – symbolisch reduziert im Comicstil. Der menschgemachte Doomsday wirft seine Schatten voraus.
Am Ende ist der Rote Geist enttarnt als Spießbürger mit Allmachtsfantasie – gleichsam wie nach einer Katharsis nur das Männlein entpuppend, das sich hinter Maske, Pyrotechnik und Donnerstimme verbarg wie der Zauberer von Oz. So, als ob sich das Serial selbst als der Zerrspiegel entlarven würde, der einen kleinen bösen Geist zum Monster aufbauscht. Aber andere Superschurken stehen schon Schlange…
(Das ursprünglich 12teilige Serial kam in Deutschland 1953 als zweiteiliger Spielfilm-Zusammenschnitt in die Kinos. Diese Fassung ist nicht mehr erhalten, wurde in den 60er Jahren noch einmal auf einteilige Spielfilmlänge gekürzt. Die deutsche DVD-Veröffentlichung enthält diese vermutlich einzige erhaltene deutsche Schnittfassung sowie eine 1966 für das US-Fernsehen erstellte Schnittfassung mit Titel „Cyclotrode X“. Die Fassungen sind nicht identisch.)
The Crimson Ghost
USA 1946
Regie: William Witney, Fred C. Brannon
Drehbuch: Albert DeMond, Basil Dickey, Jesse Duffy, Sol Shor
Kamera: Bud Thackery
Darsteller: Charles Quigley, Kenne Duncan, Linda Stirling, Clayton Moore, I. Stanford Jolley u.a.
Laufzeit: ca. 167 Min. (Original-Serial), 88 Min. (deutsche Fassung), 96 Min. (US-TV-Fassung 1966)