Der Film hat diese leeren Räume, wie man sie aus den 1980er-Jahre-Filmen kennt. Alan Parker und Adrian Lyne waren damals die Vorbilder für diese Art von Film. Genauso für den Symbolismus dieses artifiziellen Stils – Detailaufnahmen auf Objekte (vorzugsweise Ventilatoren, religiöse Objekte, Schweiss, Blut), die dann sehr stylish aussahen, aber auch unglaublich bedeutungsschwanger wirkten. Die Symbole repräsentierten innere Zustände der Protagonisten meist mit bekannten visuellen Chiffren, ohne dass diese Chiffren im Film eine Entwicklung erfuhren. Insofern waren diese (damals) als hochelegant empfundenen Filme eine Art C.G. Jung on Film, d.h. eine Erschaffung oder Revitalisierung von Archetypen, von statischen psychologischen Symbolen (die oft filmübergreifend eingesetzt werden, s. Ventilator) anstelle von dynamischen, individuellen Symbolen.
In Dominique Othenin-Girards und Sergio Guerraz’ NACH DER FINSTERNIS (1985) kommt ebenfalls dieser prätentiöse Stil zum Tragen. Sei es nun ein Aquarium oder Malereien an der Wand, aber auch leere Zimmer. Leere Zimmer, sowieso: Sie sind so ein Archetyp des Eighties-Films, übernommen aus den damals neu aufgekommenen Musikvideos, die in drei Minuten starke Emotionen vermitteln wollten und sich unter anderem dessen bedienten.
In NACH DER FINSTERNIS allerdings scheint die leere Wohnung geradezu einen psychologischen Prozess der Regisseure in Gang gebracht zu haben. Am NIFFF 2025, an dem der Film in einer restaurierten Version präsentiert wurde, meinte Othenin-Girard auf die Frage nach dem Drehort in Genf: „Ja, in einem verlassenen Gebäude – dem Palais Wilson. Es war leer und sollte renoviert werden. In gewisser Weise war das ganze Projekt größer als wir selbst. Vieles entstand erst beim Drehen oder beim Schreiben. Der Vogel, die Fische, das Schweigen, das Symbol der Tür, des Schlüssels – die Suche nach einem Teil von sich selbst. Ich wollte innere Empfindungen der menschlichen Seele in Bilder fassen.“ In NACH DER FINSTERNIS scheint der Produktionsprozess als unbewusster Selbsterkundungsprozess gedient zu haben, was fast wie eine Beschreibung „aktiven Imaginierens“ nach Jung klingt. Tatsächlich kann man in dem Zusammenhang Vogel, Fische, Türe und Schlüssel alle als Übergangssymbole verstehen. Im Unterschied zu Lyne und Parker sind die Symbole hier im Entstehen, improvisiert, prozessual. Trotzdem bleiben auch Othenin-Girard und Guerraz Jung in offenbar jeder Beziehung treu: „Ich hatte intensive Gespräche mit einem alten Jungianer in Genf – Herrn Bauer. Er hat alle Gemälde im Film gemacht – mit den Fingern! Fische, Symbole usw. Er hat mich sehr inspiriert.“
NACH DER FINSTERNIS zielt direkt ins Herz einer dunklen Psyche. Die Story handelt von einem Anthropologieprofessor, Peter Hunninger (John Hurt), der aus schlechtem Gewissen seinen jüngeren Bruder Laurence (Julian Sands) nach einem Selbstmordversuch aus der Klinik holt und mit ihm in eine neue (praktisch leere) Wohnung zieht und ihn dort in einer Art therapeutischer Gemeinschaft zu heilen versucht. Doch während Laurence weiterhin vom Verlust seines Zwillingsbruders vor 30 Jahren geplagt wird, beginnen sich langsam auch wahnhafte Störungen bei Bruder Peter Bahn zu brechen. Othenin-Girard und Guerraz orientierten sich dabei am Phänomen der Folie-à-deux, einer bereits 1877 definierten psychotischen Störung, mit der die ganze oder teilweise Übernahme von Wahnsymptomen durch einen nahestehenden, nicht wahnkranken Partner geschieht. Richtig bekannt geworden wurde die Störung im Jahr 2024 durch Todd Phillips Film JOKER – FOLIE À DEUX.
Peter selbst dokumentiert mit dem Tonband die Entwicklungen des Bruders und denkt sich immer noch in der Rolle des Heilenden, doch die Jagden mit seinem Bruder durch die leeren Zimmer sprechen eine andere Sprache. Der Professor scheint immer infantiler zu werden, wirkt angeschlagen und hat bei der Arbeit mit Kindern Ausraster. Doch es sind die intensiven Momente zu zweit mit Bruder Julian, in dem die Geschehnisse am ehesten die Bezeichnung „Horrorfilm“ für den Film rechtfertigen. Die gelegentliche Sexbeziehung, die Peter zur jungen Doktorandin Pascale hatte (Victoria Abril), führt nach Besuchen in der leeren Wohnung der Brüder dazu, dass sie sich mit Laurence anfreundet. Ihre Therapie ist anders: Sie fährt mit Julian ans Meer, sie lässt ihn draußen einkaufen, sie will ihn ins Leben integrieren.
Die Sensation des Films ist allerdings eine andere: Ein Schweizer Regisseur, Dominique Othenin-Girard, dreht sein Erstlingswerk mit so illustren Schauspielern wie John Hurt, Julian Sands und der auch schon weidlich bekannten Victoria Abril (noch vor den großen Almodóvar-Erfolgen). Wie es dazu kam? „Zwei Jahre nach dem Abschluss der Filmhochschule in London kam mein italienischer Freund – er hatte die Filmschule ein Jahr nach mir abgeschlossen – zu mir und sagte: ‘Dominique, ich habe eine Idee für eine Geschichte. Ich bin ein Zwilling, aber ich habe meinen Zwillingsbruder nie kennengelernt.’ Er erzählte mir seine Geschichte, und gemeinsam begannen wir, daraus ein Drehbuch über Zwillinge zu entwickeln. (…) Ich hatte in London einen Produzenten, Don Hawkins. Er gab das Drehbuch an John Hurts Agenten. John las es in zwei Tagen und sagte sofort: ‚Ja, ich bin dabei.‘ Sein Enthusiasmus brachte das Projekt finanziell in Gang: Zwei britische Koproduzenten kamen dazu, und schließlich sicherte die Schweiz mit einer Completion Guarantee die Fertigstellung des Films.“
After Darkness
Schweiz 1985
Regie: Sergio Guerraz & Dominque Othenin-Girard
Drehbuch: Sergio Guerraz, Dominique Othenin-Girard, Robert Smith
Kamera: William Lubtchansky
Musik: Ben Jeger
Darsteller: John Hurt, Julian Sands, Victoria Abril u.a.
Laufzeit: 104 min.