„Der Biss eines tollwütigen Tieres ist besonders in der Nähe des Kopfes sehr gefährlich, denn die Tollwut ist eine Krankheit des Zentralnervensystems. Hunde sind empfindlicher als ihre Herren, und der Impfstoff aus inaktivierten Viren, den jeder Veterinär injiziert, bietet ihnen keinen vollkommenen Schutz. Und Cujo hatte in seinem ganzen Leben keine einzige Spritze gegen Tollwut bekommen.“ Stephen King, Cujo, 1981
SEIN FREUND JELLO (OLD YELLER, 1957, Regie: Robert Stevenson) und CUJO (1983, Regie: Lewis Teague) haben zwei Hauptdarsteller: jeweils einen Hund und die Tollwut.
SEIN FREUND JELLO, eigentlich eine für Kinder gedachte Abenteuergeschichte im Western-Stil, hat einige düstere Elemente, die das Tier-Horror-Genre vorwegnehmen. Der deutsche Verleihtitel erinnert an den Western MEIN GROSSER FREUND SHANE (SHANE, 1953, Regie: George Stevens), der aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird und der mit einem blutigen Finale endet.
Die Eröffnungsszene zeigt einen gelben Hund, der auf einem Hügel steht. Er durchstreift eine grüne Landschaft und gelangt schließlich an ein Gehöft. Der 15jährige Travis Coates (Tommy Kirk), aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, wächst mit seinem jüngeren Bruder Arliss (Kevin Corcoran) und seiner Mutter (Dorothy McGuire) auf einer texanischen Farm auf. Arliss wünscht sich seit längerem einen Hund und entdeckt den gerade einen Hasen jagenden Jello, den er sofort in sein Herz schließt. Der zunächst reservierte Travis ändert seine Ansicht, als Jello seinen Bruder vor einer ausgewachsenen Bärin rettet. Beim Kampf gegen einen Wolf infiziert Jello sich mit Tollwut. Zähnefletschend und mit Schaum vor dem Mund wird er im Stall eingeschlossen.
CUJO nach einem Roman von Stephen King beginnt ähnlich: ein Kaninchen springt durch das grünes Gras, als es plötzlich vor einem riesigen, bernsteinfarbenen Bernhardiner steht. Der Hund verfolgt das schnelle Tier, das sich schließlich in eine dunkle Höhle rettet. Mit seinem Bellen scheucht Cujo Fledermäuse auf, von einer wird er gebissen und heult vor Schmerzen auf. Der fünfjährige Tad Trenton (Danny Pintauro) fürchtet sich vor einem Monster in seinem Kleiderschrank und wird von seinen Eltern Donna (Dee Wallace) und Vic (Daniel Hugh Kelly) getröstet. Nachdem der tollwütige Cujo bereits mehrere Menschen getötet hat, bedroht er Donna und ihren Sohn, die im Auto eingeschlossen in brütender Hitze verharren.
SEIN FREUND JELLO und CUJO sind eigentlich Familienfilme. Travis‘ Vater (Fess Parker) muss aus geschäftlichen Gründen längere Zeit die Farm verlassen und überträgt seinem ältesten Sohn die Verantwortung. Die Trentons befinden sich sowohl in einer beruflichen wie privaten Krise: Donna hat eine Affäre mit Vics Freund Steve (Christopher Stone). Vic hat nicht nur Angst vor dem finanziellen Ruin, sondern auch, von seiner Frau verlassen zu werden. Die Sorge, seinen Kindern könnte etwas Schreckliches geschehen, hat King zu seinen düstersten Geschichten inspiriert. Gerade diese Angst gibt es in SEIN FREUND JELLO auch: Arliss wird von einer Bärin bedroht, die selbst nur ihr Junges schützen möchte. Später erkennt Arliss nicht die Gefahr, in die er sich begibt, als er den tollwütigen Jello aus seinem Gefängnis befreien will.
Wie Jello sämtliche Gefahren von den Menschen, bei denen er lebt, abwehren will, möchte der schon ältere Cujo ein „guter Hund“ sein und seine Besitzer nicht verärgern. Bei King heißt es: „Hilflos rieb er sich mit der Pfote über das Maul. Das Blut trocknete schon, aber die Wunde schmerzte. Hunde haben ein eigenes Bewusstsein, das ihre Intelligenz weit übersteigt, und Cujo war von sich selbst angewidert. Er hatte keine Lust, nach Hause zu laufen. Wenn er das tat, würde einer aus seiner Dreieinigkeit – der MANN, die FRAU oder der JUNGE – merken, dass er sich verletzt hatte. Es war möglich, dass einer der drei ihn sogar einen BÖSEN HUND nannte. Und in diesem Augenblick kam er sich auch wirklich wie ein BÖSER HUND vor.“
In Kings Roman wird die Handlung teilweise aus Cujos Perspektive erzählt, während im Film einzelne Momente mit der subjektiven Kamera festgehalten werden und gezeigt wird, wie Cujos Gehirn von der Krankheit zerstört wird. Cujo ist kein Monster, sondern ein tollwütiger Hund, der hierunter schrecklich leidet. Das Motiv des Ungeheuers im Schrank verbindet sich in der Vorlage mit dem Polizisten und mehrfachen Mörder Frank Dodd, der im Gedächtnis der kleinen Stadt weiter lebt als gespenstischer Mythos, um Kinder zu verängstigen. Dessen Vorgesetzter Bannerman (Sandy Ward), der nach Donna und ihren Sohn sucht, weil Vic annimmt, Steve habe die beiden entführt, glaubt in einer unheimlichen Szene des Romans Dodd in den Augen Cujos wiederzuerkennen. Als Stephen-King-Verfilmung ist CUJO nur bedingt gelungen. King selbst war allerdings begeistert, obwohl sein eigener Drehbuchentwurf nicht verwendet wurde. Teague drehte im Anschluss KATZENAUGE (CAT’S EYE, 1985), der mit einer ähnlichen Sequenz beginnt: Diesmal wird eine Katze von einem Hund verfolgt.
Trotzdem ist CUJO ein unglaublich spannender, klaustrophobischer Thriller. SEIN FREUND JELLO gelingt es in einigen Momente eine ähnliche Atmosphäre aufzubauen: etwa der grimmige, quälend lange Kampf zwischen Jello und dem Wolf in einer finsteren Nacht, dem die Familie zunächst nur hilflos zusehen kann. Sandersons (Chuck Connors) Geschichte von einem Verwandten, der von einem tollwütigen Hund gebissen wurde und der daraufhin mit Schaum vor dem Mund auf einem Baum saß, um vorübergehende Menschen zu beißen, verängstigt Mrs. Coates‘ Kinder ebenso wie das Publikum.
Verwendete Literatur:
King, Stephen (2007): Cujo. Roman. München.
Loderhose, Willy (1993): Das große Stephen-King-Film-Buch. Zweite Auflage. Bergisch-Gladbach.
Winter, Douglas (1984): Stephen King – The Art of Darkness. New York.
Old Yeller
USA 1957
Regie: Robert Stevensen
Darsteller: Tommy Kirk, Kevin Corcoran, Dorothy McGuire u.a.
Cujo
USA 1983
Regie: Lewis Teague
Darsteller: Dee Wallace, Danny Pintauro, Daniel Hugh Kelly u.a.