Von allen bösen Geistern besucht.

Auch Fabriken sind von Geistern besessen. Tief im Innern Indonesiens gibt es jedenfalls eine Perückenfabrik, die bei den Schwestern Putri (Rachel Amanda) und Ida (Lukesha) bald einmal im Verdacht steht, nicht nur die Arbeitenden auszubeuten, sondern auch auch von einer bösen Magie geleitet zu werden.

Eigentlich wollen die beiden Schwestern lediglich herausfinden, woran ihre Mutter, eine Fabrikarbeiterin in der „Evergreen Company“ gestorben ist. Wie sich herausstellt, vermachte die Verstorbene den beiden gleichzeitig eine große Menge Schulden, die sie der strengen, dämonischen Besitzerin Maryati (Didik Nini Thook) nicht zurückzahlen können. Was sie aber können: Die Schulden in der Fabrik abarbeiten.

Die Arbeitsbedingungen stellen sich allerdings als hart heraus: Perückenträgerin Maryati gönnt ihren Mitarbeitenden nicht mehr als 15 Minuten Bewegung täglich, ansonsten herrscht Statik und Stille in der Fabrik. Verschärft dadurch, dass die Fabrikarbeiter offenbar unter einem Bann Maryatis stehen und ohne Murren auch die Nacht durcharbeiten, um wahlweise Schulden abzuzahlen oder Boni zu erhalten. Diese nächtlichen Begegnungen in der Fabrik erscheinen geisterhaft und unwirklich, nicht zuletzt, weil allerorts an den Arbeitsplätzen gespenstische Puppen stehen (für die Perückenanproben). Putri und Ida arbeiten auch an der Produktion der Puppen, die sich wie geisterhafte, tote Alter Egos anfühlen. Eine Atmosphäre von Merkwürdigkeiten, gepaart mit Schlaflosigkeit, benebeln auch Putri und Ida. SLEEP NO MORE entpuppt sich damit als weiterer Film, der sich mit den immer härter werdenden Anforderungen des Arbeitslebens auseinandersetzt. Das in Indonesien, einem Entwicklungsland mit steil nach oben zeigender wirtschaftlicher Entwicklung. Wobei Regisseur Edwin nicht eine viel zu hohe Schlagzahl von Produkten zum Thema macht, sondern die Abhängigkeit zu den Chefs, in dem Fall zur Besitzerin Maryati, die sich zu einer feudalistischen Ausbeutungsmaschinerie entwickelt hat. Arbeit ohne Privatleben, und in sich stets vergrößernder Abhängigkeit.

Immer wieder passiert es, dass die Angestellten vermeintlich durchdrehen und sich brutal selbst verletzen wollen, so sehr, dass sie sich damit auch gleich umbringen. Eine Arbeiterin knallt ihren Kopf mehrfach in ein Nagelbrett, bis zu ihrem Tod, anderen geschieht ähnliches. Während Putri anfangs noch an Selbstmord der Mutter glaubt, setzt sich Idas Theorie, dass die Mutter besessen war, im Verlauf ihrer Arbeit immer mehr durch. Zumal auch Bruder Bona (Iqbaal Ramadhan), von Gläubigern verfolgt, einen Arm verliert, der ihm aber als Stummel nachwächst. Das Unheimliche nimmt damit überhand, gleichzeitig eröffnet Edwin damit auch eine Ebene pulpiger, trashiger Effekte, wenn Bonas abgehackter Arm auf einem Müllhaufen liegt und von Putri wieder entdeckt wird.

Im Nachtleben der Fabrik, in der die Arbeitenden wie Zombies funktionieren und Leben nur im eigenen Tod kurz aufleuchtet, materialisiert sich tatsächlich ein Geist. Und der hat viel mit den Perückenhaaren zu tun – erinnert inhaltlich sehr an japanische Horrorfilme wie Takashi Shimizus JU-ON (2002), Hideo Nakatas RINGU (1998) oder Sion Sonos weniger bekannten EXTE: HAIR EXTENSIONS (2007), in denen Haare auf den Volksglauben der rachsüchtigen Geister (Yürei) zurückgeht. In der indonesischen Mythologie gibt es tatsächlich auch Geister mit schwarzen Haaren, auf die Edwin in seinem Film in gewisser Weise anspielt, weil es sich sowohl bei Kuntilanak wie bei Sundel Bolong um weibliche Rachegeister handelt. Das erklärt nicht das „Vorliegende“ (das soll eine Überraschung bleiben), aber fügt sich gewissermaßen in die matriarchale Ordnung ein, die sich interessanterweise durch den Film und dessen Figuren zieht. Die Hauptpersonen sind fast ausschließlich Frauen (inklusive der toten Mutter).

Edwin ist kein Neuling im Filmbusiness. SLEEP NO MORE ist – je nach Zählweise – mindestens der neunte Spielfilm des indonesischen Regisseurs, der bereits 2012 mit POSTCARDS FROM THE ZOO im internationalen Wettbewerb der Berlinale stand und mit VENGEANCE IS MINE, ALL OTHERS PAY CASH im Jahr 2021 den Goldenen Leoparden des angesehenen Locarno Film Festivals gewann. Auf Netflix erschien 2024 sein Thriller BORDERLESS FOG, in dem es um eine Mordserie an der Grenze zu Malaysia geht, die von einer Kommissarin aus Jakarta untersucht wird.

Monster Pabrik Rambut
Indonesien 2026
Regie: Edwin

Drehbuch: Edwin, Eka Kurniawan, Daishi Marsunaga
Kamera: Akiko Ashizawa
Musik: Hiroyuki Nagashima
Darsteller: Rachel Amanda, Lutesha, Iqbaal Ramadhan, Didik Nini Thook u.a.
Laufzeit: 96 min.



Fotos: ©
Palari Films