Wer sich als Nicht-8jähriger trauen sollte, die ersten sechs japanisch-amerikanisch produzierten POKEMON-Animationsfilme zu sichten, sei gewarnt: Es ist keine einfache Reise. Zum Glück haben sich die multinationalen Produzenten irgendwann gegen die Pikachu-Kurzfilme entschieden, die bis einschließlich zum dritten Teil dem „Hauptfilm“ (der dann auch nur ungefähr 60 Minuten in Länge ist) vorangestellt sind und sogar das Kinderpublikum nach heutigem Standard abschrecken dürften. Was eventuell daran liegt, dass ab POKEMON 4 – DIE ZEITLOSE BEGEGNUNG(2001) Miramax für den amerikanischen Markt übernommen hat und dann doch etwas mehr von Vermarktungsstrategie und Publikumseignung verstanden haben dürfte. Man will auch gar nicht von den haarsträubenden Pop-Rock-Soundtracks anfangen, die extra im jeweiligen Erscheinungsland neu angeordnet wurden, ob in Deutschland oder in den USA – ähnlich wie bei den Scooby-Doo-Animations- und Zeichentrickfilmen möchte man nicht in der Haut einer Anfang-2000er-Sängerin stecken, die von Partystränden aus Perspektive von Cartoonfiguren singt und dann für Nimmerwiedersehen von der auditiven Bildfläche verschwindet.
Natürlich handelt es sich bei der Filmreihe um ein an Kinder gerichtetes Phänomen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass das mediale und mittlerweile kulturelle Gespenst POKÉMON weit über kindliche Begeisterung hinausgeht und wie eine seltene Krankheit alle Altersgruppen und Nationen angegriffen hat. Dabei versteht wohl niemand so richtig alle Implikationen und geradezu unheimlichen Logiken, die diesem Universum innewohnen. Videospiele, Manga, Anime(-Filme), Merchandise und was nicht sonst noch widmen sich den – Monstern (?) – und lassen die Verkaufszahlen in die Höhe schnellen. Ein weiteres Exportgut Japans, das das Land global bekannt gemacht hat. Ob es sich bei den kreativ gestalteten Wesen nun um abgewandelte Tiere, Monster oder teilweise anthropomorphe Yokai handelt, eins steht fest: Sie werden gnadenlos gejagt, gefangen genommen, trainiert und zu Quasi-Freunden von 11jährigen umerzogen. Ash Ketchup -äh, Ketchum, ist Protagonist und Aushängeschild für alle Fans und für alle, die keine Fans werden wollen, aber irgendjemanden kennen, der ein Fan ist.
Somit ist er auch Protagonist in POKÉMON 7 – DESTINY DEOXYS von 2004. Wenn man die verschachtelten Credits richtig liest, ist dies der erste Film, bei dem ein Japaner Regie geführt hat (auch bezüglich der internationalen Version) und es ist auch der erste Teil der Reihe, der einen ernstzunehmenden Plot vorweisen kann. Okay, der erste Teil behandelt Genmanipulation, der zweite und vierte Teil behandeln Umweltthemen, der dritte ungesunden Eskapismus und der fünfte das menschliche Potenzial (?) von Pokémon; und der sechste deutet wenigstens ausbeuterische Taktiken von Wanderzirkussen an. Aber im siebten Film muss man nicht verzweifelt nach solchen Subtexten suchen, um die knappe Stunde rumzubringen, nein, man ist regelrecht gefesselt.
Das gesamte Pokémon-Universum ist zumindest einmal fantastisch. Ohnehin muss eine buchfüllende Abhandlung über die Einordnung geschrieben werden, da es schwierig erscheint zu entscheiden, ob es jetzt Fantasy, Science-Fiction oder gar Magischer Realismus ist, was man sich da antut. Oder ob es eben die ganz eigenen ostasiatischen Gesetze verfolgt, spezifisch die typischen Regeln von Manga und Anime, bei denen man sich nie ganz sicher ist, wie natürlich oder übernatürlich das Geschehen ist. Letztlich ist es deswegen interessant, dass DESTINY DEOXYSsich eindeutig als Science-Fiction Film inszeniert. Angefangen von dem Intro, dass stark an THE THING (1951/1982/2011) erinnert, und einen Kometen ins Eis einschlagen lässt, über futuristische Wohlstands-Techno-Metropolen (man denke etwaige an WALL-E, 2008), bis hin zu sich verselbständigenden Hilfsrobotern, die zur Gefahr werden.
Dabei bekommt man als Zuschauer allerhand geboten, was endlich die Filmreihe zu einem Seherlebnis für Jung und Alt werden lässt. So hat der zweite Protagonist Tory aufgrund einer Kaiju-würdigen Anfangssequenz ein Trauma erlitten und infolgedessen leidet er an einer Art Pokémon-Phobie, die sich im Verlauf der Filmhandlung entzerrt. Tory lernt schließlich, seiner Ängste Herr zu werden – das klingt schon fast nach typischen und erfolgreichen Elementen eines durchdachteren Kinderfilms. Aus diesem Grund verliert auch zum ersten Mal in der Reihe (?) Ash einen Kampf gegen andere Trainer, da er Tory fälschlicherweise für einen Trainer hält und sie zusammen in einen Wettkampf geraten. Dass Ash verliert und sich trotzdem um den verängstigten Tory sorgt, ist ein wichtiger und fortschrittlicher Schritt weg vom ewigen „Der-Beste-Sein“.
Durch das gelungene Städtedesign, die Kämpfe der für den Film relevanten Pokémon (Deoxys, Rayquaza), die humoristischen Zwischenschübe (rund um Team Rocket, etc.) und die authentischen Figurenkonstellationen, wirkt POKÈMON 7 – DESTINY DEOXYS fast wie ein inoffizieller Eintrag im Kaiju-Universum. Denn gerade in den besten Godzilla-Filmen findet man neben zerstörten Städten und sich bekriegenden Monstern eigenartig-geniale Momente von Kreativität und Humanität.
Gekijôban Poketto Monsutâ Adobansu Jenerêshon: Rekkû no hômonsha Deokishisu
Japan 2004
Regie: Kunihiko Yuyama
Drehbuch: Hideki Sonoda
Kamera: Takaya Mitsutani
Laufzeit: 98 min.