Paris aus der Vogelperspektive, das (immer beunruhigende) Geräusch von Helikopterrotoren. Verschiedene Jugendliche, ethnisch und geschlechterdivers, aus allen sozialen Schichten, einzeln in Bewegung, gehend, fahrend. Jede und jeder einzelne mit einem gemeinsamen Ziel – so impliziert die Montage. Vernetzt, ohne in direktem Kontakt zu sein. Mit Zeiteinblendern, die den einzelnen Szenen eine Planhaftigkeit vermitteln. 14:07: Eine elegante junge Frau betritt die U-Bahn. Eine andere junge Frau hat ein Hotelzimmer reserviert, sie hat anfängliche Schwierigkeiten mit der VISA-Karte. Ein junger Typ holt einen Schlüssel ab und setzt sich in einen BMW, der über seiner Einkommensklasse liegt. Zwei Jungs können den Hintereingang eines Gebäudes nur betreten, weil ihnen ein dritter hilft, der als Security arbeitet. Und so weiter.
Bis schließlich ein Erwachsener an einer Türe von einem Jugendlichen erschossen wird. Eine Diskussion an einem Tisch über 240g Semtex stattfindet. Und die einzelnen Protagonisten wieder durch die Straßen gehen. Ihre Smartphones wegwerfen und weitergehen. Jetzt ist das „Etwas“ bereits geschehen. Später werden wir erfahren, dass hier mehrere gezielte Terroranschläge in Paris ausgeführt wurden.
Schließlich finden sich alle Jugendlichen in einem Kaufhaus nach Ladenschluss zusammen. Dort müssen sie ausharren, bis sich die Polizei- und die Antiterror-Aktionen in Paris gelegt haben. Eine Nacht gemeinsam in einem Kaufhaus. Symbolhafter kann man nicht darlegen, in welcher Welt die Jugendlichen aller Stände leben und gefangen sind, und wie diese Welt auf sie einwirkt, von der sie sich nur noch mit Terroraktionen glauben, befreien zu können.
Gesprengt wurden das Innere eines Regierungsgebäudes, eine Jeanne D’Arc-Statue, mehrere Autos, ein Stockwerk in einem Hochhaus. Natürlich schauen sich die Jugendlichen das auf den Fernsehern in der HiFi-Abteilung an. Abwechslungsweise auch alle Explosionen zusammen in einem viergeteilten Splitscreen, so, wie die Überwachungskameras (mit dem ermordeten Security-Personal) das Kaufhaus in Splitscreen-Bildern beobachten. Außen- und Innenwelt sind eins. Doch dann scheinen sich die Jugendlichen zu vergessen. Jede und jeder ergeben sich den Angeboten des Kaufhauses, und was die Kamera mit nüchternem Blick (wie alles zuvor) aufzeigt, ist die Fragmentierung in Konsumgelüste. Das Kaufhaus lädt nicht dazu ein, als Gruppe zusammen zu bleiben und abzuwarten. Der individuellen Verführung durch die mannigfaltige Produktewelt können die Jugendlichen nicht widerstehen, oder haben sie überhaupt eine Wahl? Die einen kleiden sich elegant ein, andere schießen mit Spielzeug-Wasserpistolen herum oder nehmen ein parfümiertes Bad zu einem Glas Cognac, einer verlässt sogar rasch das Warenhaus, um eine Zigarette zu rauchen, andere wiederum laden zwei Obdachlose ins Warenhaus ein – all das, weil die Gruppe es nicht schafft, die Nacht still oder im Gespräch durchzuwarten.
Dabei begegnet ein junger Mann mit einem T-Shirt mit Nike-Swoosh einer Schaufensterpuppe, die dasselbe T-Shirt trägt. Der Mensch wird in seiner Konsum-Individualität von deren Austauschbarkeit überrascht. Als Höhepunkt der Feier des Konsumismus und Individualismus lipsynct ein Jugendlicher, verkleidet, „My Way“ (gesungen von Shirley Bassey): Es ist eine Generation, die nur noch so tun kann, als ob sie singe. Die keinen eigenen Gesang mehr finden kann innerhalb des Konsums.
Mit John Barrys brillanter Titelmusik der klassischen Spionageserie THE PERSUADERS (DIE ZWEI) (1971), die dreimal immer wieder eingespielt wird, neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die Polizei dringt in das Warenhaus ein und bringt nach und nach alle Jugendlichen um. Wie Wolfgang M. Schmitt („Filmanalyse“) feststellte: Der Staat erscheint nur noch in Form von Polizisten. Nie sehen wir – im TV oder sonstwo – Politiker oder Verhandler, welche die Situation anders lösen würden als mit Gewalt – und das, obwohl es sich um Jugendliche handelt. Und da setzt, um Schmitt zu zitieren, Bonellos Gesellschaftsanalyse an: „Eine Politik, für die nur Wirtschaftswachstum und Konsum zählen, für die es keine Alternative zum herrschenden Kapitalismus gibt, die sperrt die Jugend ein ins Warenhaus und tötet sie dort.“ Die Revolution gegen den Kapitalismus bleibt gezwungenermaßen gefangen im Kapitalismus und findet keinen Ausweg.
Bonellos Film wurde 2016 nicht in Cannes gezeigt, weil Frankreich noch schwer gezeichnet war von den Terroranschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ (Januar 2015) und in der Konzertlocation Bataclan (November 2015). Bonello betonte denn auch, dass er mit den Jugendlichen in seinem Film jegliche Stigmatisierung auf „Vororte“ oder den „Islam“ vermeiden wollte – was eigentlich klar ist, wenn man den Film sieht. Vielmehr diente Bonello der Roman „Glamorama“ von Brett Easton Ellis als Inspiration, in dem die Fashion-Industrie von innen heraus durch Terror bedroht ist. Und natürlich nimmt er Romeros Kaufhaus-Metapher aus DAWN OF THE DEAD (1978) auf, orientiert sich aber vehement am Spirit radikaler französischer Filme aus den 68er Jahren wie Godards WEEKEND (1967) oder Faraldos THEMROC (1973).
Nocturama
Frankreich 2016
Regie & Drehbuch: Bertrand Bonello
Kamera: Leo Hinstin
Musik: Bertrand Bonello
Darsteller: Vincent Rottier, Finnegan Oldfield, Hamza Meziani, Manal Issa u.a.
Laufzeit: 130 min.