Als der normannische Burggraf Sir John de Courtenay stirbt, wird dessen Sohn Robin von seinem ruchlosen Vetter Roger um sein Erbe betrogen und flieht mit seinem Beichtvater Bruder Tuck in den Sherwood Forest, wo er sich einer Gruppe von angelsächsischen Geächteten anschließt. Unter dem Namen Robin Hood führt er eine Rebellion gegen den ruchlosen Prinz John an, der sich in Abwesenheit des Königs Richard Löwenherz des Throns bemächtigt hat, und mit Hilfe seines Handlangers, dem Sheriff von Nottingham, das Land ausbeutet…
Es gibt einige Stoffe wie DER HUND VON BASKERVILLE, Charles Dickens‘ WEIHNACHTSGESCHICHTE oder auch DIE DREI MUSKETIERE, von denen fortwährend neue Versionen entstehen. Dies liegt zum einen daran, dass diese Stoffe gemeinfrei sind, also keine Lizenzkosten verursachen; zum anderen sind diese Werke offenbar so zeitlos, dass sie immer wieder neue Generationen von Zuschauern für sich gewinnen können.
Ein besonders bemerkenswertes Beispiel hierfür ist die Legende von Robin Hood, einer Figur, die sich aus mehreren historischen, teilweise aber auch fiktiven Personen zusammensetzt und die bis heute zahlreiche Veränderungen durchgemacht hat. Die frühesten schriftlichen Erwähnungen von Robin Hood stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, wo der Held noch als einfacher Freibauer charakterisiert wird, während ihn die meisten späteren Adaptionen als enteigneten Adeligen darstellen. (Allein die unter Fans sehr beliebte britische TV-Serie ROBIN HOOD (ROBIN OF SHERWOOD (1984-86)) von Richard Carpenter bedient sich beider Ansätze bezüglich der Herkunft des Helden.)
Robin Hood verkörpert von Anfang an das Ideal des Kampfes gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Er steht dabei außerhalb der etablierten Ordnung und handelt nach einem eigenen moralischen Kodex. Er bestiehlt die Reichen, um die Armen zu unterstützen, was ihn zu einem populären, jedoch auch kontroversen Charakter macht.
Die modernen Darstellungen von Robin Hood gehen vor allem auf den Roman IVANHOE von Sir Walter Scott aus dem Jahr 1820 zurück (1952 verfilmt als IVANHOE – DER SCHWARZE RITTER (IVANHOE)), wo ein Geächteter namens Locksley, der später oft mit Robin Hood gleichgesetzt wurde, an der Seite des Titelhelden gegen die normannischen Eroberer kämpft.
Die erste erfolgreiche Verfilmung der Robin-Hood-Legende erfolgte 1922 in Form eines US-Stummfilms mit Douglas Fairbanks in der Titelrolle. Die Darstellung Robin Hoods als spitzbübischer Gauner prägte spätere Versionen ebenso wie Fairbanks‘ ikonisches Kostüm mit dem Federhütchen und den flaschengrünen Strumpfhosen. Ein fast identisches Kostüm trägt Robin Hood in dem 1938 produzierten Farbfilm ROBIN HOOD, KÖNIG DER VAGABUNDEN (THE ADVENTURES OF ROBIN HOOD), wo auch weitere klassische Robin-Hood-Elemente, die man heute mit der Legende verbindet, etabliert wurden:
- Die Schießkünste Robin Hoods, die er u. a. nutzt, um bei einem Bogenschützenturnier zu gewinnen, indem er einen vom vorherigen Schützen platzierten Pfeil spaltet.
- Die Rekrutierung von Little John und Bruder Tuck durch eine provozierte Prügelei (bei John durch einen Stockkampf auf einer Brücke).
- Die Entführung der beiden Helfer von Prinz John, Guy von Gisbourne und dem Sheriff von Nottingham, in Robin Hoods Lager, wobei ihnen die Steuergelder geraubt werden, um damit das Lösegeld für Richard Löwenherz zu bezahlen.
- Die Befreiung des in Prinz Johns Burg inhaftierten Robin Hood und dessen Geliebter Maid Marian.
- Die Rückkehr des inkognito reisenden Richard Löwenherz nach England.
Sämtliche dieser Elemente tauchen erneut in der nächsten wichtigen Verfilmung auf, nämlich dem 1952 vom britischen Ableger der Walt-Disney-Studios produzierten ROBIN HOOD UND SEINE TOLLKÜHNEN GESELLEN bzw. ROBIN HOOD, REBELL DES KÖNIGS (THE STORY OF ROBIN HOOD AND HIS MERRIE MEN), der ironischerweise entstand, um die Steuern zu umgehen, die Großbritannien damals auf importierte Filme erhob. Eine Aufwertung erhielt in dieser Adaption die Figur des Barden Alan-a-Dale, der als Erzähler singend durch die Geschichte führt. Erstmals seit dem 1908 entstandenen britischen Stummfilm ROBIN HOOD AND HIS MERRY MEN gab es damit wieder eine Bearbeitung des Stoffes, die im Ursprungsland der Legende produziert wurde.
Bevor Walt Disney 1973 seine sehr erfolgreiche, abendfüllende Zeichentrickadaption ROBIN HOOD veröffentlichte, wo alle Protagonisten anthropomorphe Tiere waren (in der deutschen Fassung zu hören: Peter Ustinov (!) als Prinz John in Gestalt eines Löwen, sowie der bekannte deutsch-französische Liedermacher Reinhard Mey als Alan-a-Dale in Gestalt eines Hahns), sollte es noch weitere britische Verfilmungen geben. Hierzu zählen fraglos die wegen ihrer Authentizität hochgeschätzte TV-Serie ROBIN HOOD (THE ADVENTURES OF ROBIN HOOD [1955-60]) mit Richard Green in der Hauptrolle, aber auch drei Beiträge der legendären Hammer-Studios.
Der erste davon war ROBIN HOOD, DER ROTE RÄCHER (THE MEN OF SHERWOOD FOREST [1954]), bei dem die Gefangennahme und die spätere Heimkehr von Richard Löwenherz einen wesentlichen Teil der Handlung ausmachen. Obwohl es der erste Farbfilm der Hammer-Studios war, blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück, was Hammer nicht davon abhielt, 1960 mit DAS SCHWERT DES ROBIN HOOD (SWORD OF SHERWOOD FOREST) einen weiteren Robin-Hood-Streifen zu produzieren, der davon erzählt, wie ein durch den (von Peter Cushing gespielten) Sheriff von Nottingham geplantes Attentat auf den Erzbischof von Canterbury vereitelt wird.
Auch der dritte Beitrag, der hier besprochene ROBIN HOOD, DER FREIHEITSHELD (A CHALLENGE FOR ROBIN HOOD [1967]), variiert das Grundthema deutlich. Robin Hood trägt hier rot statt grün, verwendet aber (übrigens für lange Zeit zum letzten Mal) die erwähnten Strumpfhosen als Beinkleid seiner Wahl. Die bedeutendste Änderung ist jedoch, dass Robin Hood hier normannischer Abstammung ist, weshalb er von den bereits zuvor im Wald hausenden angelsächsischen Geächteten als Anführer zunächst abgelehnt wird. Um seine Loyalität unter Beweis zu stellen, muss Robin den merry men nicht nur seine Bogenschießkünste demonstrieren, sondern auch den ikonischen Stockkampf ausfechten, interessanterweise aber nicht gegen Little John sondern gegen Alan-a-Dale.
Der Kampf gegen Little John, der wie Will Scarlet zu Robins ehemaligen Freunden von der Burg gehört, findet in Form eines Ringkampfes beim Nottinghamfest statt, wo Robin Hood wie in vielen anderen Versionen verkleidet erscheint. (Robin trägt hier eine Larve über den Augen, die sehr an das Kostüm des „Zorro“ erinnert, einer im Jahr 1919 entstandenen und eindeutig an Robin Hood angelehnten Romanfigur.) Ein Bogenschützenturnier gibt es nicht, dafür präsentiert uns der Film eine waschechte Tortenschlacht, wodurch augenfällig auf eine berühmte Szene aus dem Laurel/Hardy-Film DIE SCHLACHT DES JAHRHUNDERTS (BATTLE OF THE CENTURY [1927]) Bezug genommen wird.
Am Ende des Films darf Robin zwar die (hier unter falscher Identität reisende) Maid Marian Fitzwalter (ein Name, der in einigen Versionen Robin Hood selbst zugeschrieben wird) ehelichen, allerdings fehlt das überraschende Auftauchen König Richards. Der Film endet nämlich nicht mit dessen Heimkehr nach England, sondern mit der Flucht des Sheriffs von Nottingham, der hier überlebt. Falls Hammer hier eine Fortsetzung geplant hatte, so wurde sie nie realisiert.
Inszeniert wurde ROBIN HOOD, DER FREIHEITSHELD von dem ehemaligen Kameramann Cyril Montague Pennington-Richards, dem es allerdings kaum gelang als Filmregisseur Fuß zu fassen. Seine Arbeit bei Hammer kann als solide, aber nicht herausragend bezeichnet werden.
Der Drehbuchautor Peter Bryan (auch er begann als Kameramann) verfasste für Hammer auch die Vorlagen zu NÄCHTE DES GRAUENS (THE PLAGUE OF THE ZOMBIES [1966]), DRACULA UND SEINE BRÄUTE (THE BRIDES OF DRACULA [1960]) und nicht zu vergessen DER HUND VON BASKERVILLE (THE HOUND OF THE BASKERVILLES [1959]) mit Christopher Lee und Peter Cushing.
Der bemerkenswerteste Teil des Stabs war der für die Filmmusik zuständige Komponist Gary Hughes, von dem auch die Scores zu den Hammer-Streifen DIE PIRATEN AM TODESFLUSS (THE PIRATES OF BLOOD RIVER [1962]) und DIE SCHARLACHROTE KLINGE (THE SCARLET BLADE [1963]) stammten. Seine Musik für FREIHEITSHELD orientiert sich grundsätzlich am Stil von Erich Korngold, der die Musik zu KÖNIG DER VAGABUNDEN komponiert hatte. Dem fügt er Motive aus zeitgenössischen Volksliedern (wie z. B. „Greensleeves“) hinzu, was besonders bei einer Gesangsszene im Lager der merry men deutlich wird. Sehr gekonnt setzt Hughes seine Musikuntermalung bei Überblendungen zwischen verschiedenen Schauplätzen ein, indem er kaum merklich, aber höchst effektiv die Tonarten ändert.
Anstatt wie bisher in den legendären Bray-Studios, entstanden die Innenaufnahmen erstmals in den für das James-Bond-Franchise bekannten Pinewood-Studios. Obwohl es sicher reizvoll gewesen wäre, die in Hammer-Filmen so oft gezeigten, engen Steintreppen der Bray-Studios als Kulisse für die Fechtkämpfe in FREIHEITSHELD zu sehen, wäre der finale Kampf, der in Choreographie und Kameraführung stark an das Schlussgefecht von KÖNIG DER VAGABUNDEN angelehnt ist, dort schlicht nicht möglich gewesen.
Für die Hauptrolle als Robin de Courtenay wurde Barrie Ingham besetzt, der später vor allem in TV-Serien auftrat. Er war außerdem die englische Originalstimme der Titelrolle in BASIL, DER GROSSE MÄUSEDETEKTIV (THE GREAT MOUSE DETECTIVE [1986]), einer Disney-Zeichentrick-Adaption im Stil der Sherlock-Holmes-Abenteuer. In der Synchronisation von FREIHEITSHELD wird er von Christian Rode gesprochen, der kurioserweise in der TV-Synchro ROBIN HOOD, REBELL DES KÖNIGS dem Sheriff von Nottingham seine Stimme lieh. In der Nachsynchro des 1991 entstandenen ROBIN HOOD – KÖNIG DER DIEBE (ROBIN HOOD – PRINCE OF THIEVES) mit Kevin Costner war Rode zudem auf Sean Connery in der Rolle von Richard Löwenherz zu hören.
Leon Greene, hier zu sehen als Little John, trat natürlich ein Jahr später in der Hammer-Produktion DIE BRAUT DES TEUFELS (THE DEVIL RIDES OUT [1968]) gemeinsam mit Charles Gray und Christopher Lee auf. Synchronisiert wird er von Edgar Ott, der auch in der Disney-Zeichentrickversion die Stimme von Little John war.
Der wie üblich schmierige Sheriff von Nottingham wird von John Arnatt verkörpert, der außer in ebenfalls zahlreichen TV-Auftritten in der Agentenkomödie UNSER MANN VOM SECRET SERVICE (LICENSED TO KILL [1965]) sowie der (in Deutschland nicht gezeigten) Hammer-Produktion HYSTERIA [1965] zu sehen war. Seine Synchronstimme gehörte Martin Hirthe, der häufig Walther Matthau, Ernest Borgnine und Martin Balsam sprach. In der Disney-Zeichentrickversion war auch er in der gleichen Rolle wie hier, nämlich als Sheriff, zu hören.
Robins Vetter und Widersacher Roger de Courtenay wurde von Peter Blythe gespielt, der wie Barrie Ingham weniger in Filmen als in britischen TV-Serien zum Einsatz kam. Seine Synchronstimme gehört Lothar Blumhagen, der u. a. Roger Moore in der beliebten Serie DIE ZWEI (THE PERSUADERS! [1971-72]) sprach.
Als Bruder Tuck (in der deutschen Fassung „Pater Tuck“) ist James Hayter zu sehen, der im späten Hammer-Frankenstein-Remake FRANKENSTEINS SCHRECKEN (THE HORROR OF FRANKENSTEIN [1970]) als Gerichtsdiener zu sehen war. Seine Synchronstimme ist Eduard Wandrey, der häufig Charles Laughton sprach und die erste deutsche Stimme von Fred Feuerstein aus FAMILIE FEUERSTEIN (THE FLINTSTONES [1960-66]) war.
Erwähnt werden sollte auch noch Alfi Bass in der Rolle des Pastetenhändlers, der Genrekennern vor allem als Gastwirt aus der Polanski-Vampirfilm-Parodie TANZ DER VAMPIRE (DANCE OF THE VAMPIRES [1967]) bekannt ist. Gesprochen wurde er hier von Hugo Schrader, der Stimme des Jedi-Meisters Yoda aus der ersten STAR-WARS-Trilogie.
Das Label Anolis hat den Film in mehreren Mediabooks (sowie einer Keep-Case-Variante) auf Blu-Ray veröffentlicht. Neben einem glasklaren Bild bietet die Scheibe zwei sehr aufschlussreiche Audiokommentare, den Originaltrailer sowie mehrere Features, u. a. zur Filmmusik und zur Darstellung von Robin Hood in Film und Fernsehen bis heute. Natürlich gibt es auch ein opulent gestaltetes Booklet. Für Fans eine klare Kaufempfehlung und wer den Film noch nicht kennt, sollte durchaus einen Blick riskieren.
A Challenge for Robin Hood
USA 1967
Regie: C.M. Pennington-Richards
Darsteller: Barrie Ingham, Peter Blythe, Gay Hamilton, Leon Greene, James Hayter u.a.
Laufzeit: 96 min.