Tatsächlich erschien der OSS 117-Agentenfilm mit Location Japan ein Jahr vor dem „japanischen“ Bondfilm, YOU ONLY LIVE TWICE (1967). War – seinem Budget entsprechend – auch etwas kleiner gedacht. Er wies dafür spezifischer auf eine nationale Problematik hin: In OSS 117 – TEUFELSTANZ IN TOKIO (1966) werden ganze US-Militärbasen in Japan mit einer neuen Waffe, die von einem F-107-Kampfjet abgeworfen wird, ausradiert – gefolgt von der Erpressung einer kriminellen Organisation, die sich schlicht „Organisation“ nennt. Damit nimmt der Plot einen spezifisch japanischen Konflikt der Zeit auf, war doch die japanische Gesellschaft äußerst gespalten in Bezug auf die Militärbasen der Siegernation. Führte bereits die Erneuerung des US-japanischen Sicherheitsvertrags zu den bis dahin größten Protesten der Nachkriegszeit (Anpo-Proteste 1959/60), verstärkte sich die Ablehnung in weiten Teilen der Gesellschaft noch während des Vietnamkriegs, für den Japans Basen oft als Hub für die US-Bombardements diente. Demgegenüber nahm sich die Bond-Grundprämisse von YOU ONLY LIVE TWICE, dass ein geheimnisvolles Raumschiff sowohl sowjetische wie amerikanische Raumschiffe stiehlt, eher unpolitisch aus.
Wegen der weggebombten US-Militärbasis und der Drohung der „Organisation“, weitere dem Erdboden gleich zu machen, wird Agent Hubert Bonnisseur de La Bath aka OSS 117 (Frederick Stafford) nach Tokio geschickt, wo er erst einmal die Schwachstelle des Botschaftspersonals befragt: die Angestellte Eva Wilson (Marina Vlady). Sie erzählt die Geschichte, wie sie einen Offizier kennen lernte, sich mit ihm in einem Cabaret bei Drinks und Tanz amüsierte und später allein in einem unbekannten Zimmer aufgewacht sei. Später meldete sich ein Japaner mit kompromittierenden Fotos von ihr und dem Offizier und will Informationen der Luftwaffenbasis. Erpressbar ist Eva, weil sie verheiratet ist (ihr Mann arbeitet allerdings in den USA).
Nach Anhören der Erpressungsgeschichte weiß unser Aufreißer-Spion OSS 117 bereits, dass er mit einer Frau zusammenarbeiten wird, die Monogamie nicht ganz so ernst nimmt. Bei Eva soll ausgerechnet er den Ehemann spielen: Besser hätte er‘s nicht treffen können, und – wie erwartet – ist auch Eva schnell flirtbereit: „Sie spielen ihre Rolle als Ehemann sehr gut. Und bis zu welcher Konsequenz spielen Sie ihre Rolle?“ Als er ihr das Mini-Mikrofon am Kleid befestigt, gleitet seine Hand ausführlich übers Dekolleté. Natürlich haben die beiden was zusammen.
Später im Film besucht er mit Eva den Nachtclub, in dem sie sich verführen ließ und betäubt wurde. Eva zeigt ihm die Frau, die mit ihrem japanischen Verführer zusammen war. Tetsuko, eine Animierdame (Jitsuko Yoshimura). In der Folge lässt OSS 117 seine Jetzt-Geliebte Eva einfach im Nachtclub zurück und verschwindet mit Tetsuko, die ihm nicht nur den Weg zu den Attentätern weisen kann, sondern genauso frivol wie er selbst ist. Wie praktisch.
Es scheint, als sei das sexuelle Begehren unseres Helden immer deckungsgleich mit den Anforderungen seines Jobs. Das Begehren hat, im psychoanalytischen Universum von Jacques Lacan, immer etwas Unerfülltes („Manque“), einen Mangel, der das Begehren antreibt. Die neue Frau Tetsuko verkörpert das Unerfüllte, während nach erfolgtem Sex bei Eva kein „Mangel“ mehr vorhanden ist – folglich auch keine Lust.
OSS 117s Psyche rationalisiert dieses wechselnde Begehren mit dem Jobauftrag, der als symbolisches Gesetz auch seine Lust legitimiert. OSS 117 glaubt, er folge seiner Lust nach noch unerfülltem Sex, doch in Tat und Wahrheit folgt er der symbolischen Ordnung, die ihm das Begehren vorgibt. Dieses Prinzip lässt sich auf viele Eurospy-Filme im Stil von James Bond anwenden und natürlich auf Bond selbst (wo viele der Love-Interests nach dem Sex sterben). Doch selten tritt die psychologische Struktur so deutlich zutage wie in diesem Film – zumal es noch besser kommt.
Einige Prügeleien und Actionszenen später taucht Evas Ehemann John Wilson (Henri Serre), der eigentlich in Washinton lebt, bei Eva auf. Frappant daran: Er hat durchaus Ähnlichkeit zu unserem Helden. Dieselben Kleider, dieselbe Eleganz und dieselbe Art, Frauen für den Job auszunutzen. Wie OSS 117 bald herausfindet, spielt John noch ganz andere Klaviaturen: Kaltblütig bringt er Menschen um und scheint der bisher im Dunklen agierenden „Organisation“ anzugehören.
Dass OSS 117 quasi einem Doppelgänger begegnet, der gleich agiert wie er selbst (auch in Bezug auf Eva), jedoch auf der Seite des Bösen, hält unserem Helden einen Spiegel vor. John Wilson zeigt, dass OSS 117 nicht moralisch überlegen ist, sondern eher zufällig auf der moralisch richtigen Seite steht. Der Geheimdienstauftrag (Lacan: das symbolische Gesetz) strukturiert das Handeln und das Begehren von OSS 117, doch John Wilson folgt denselben Gesetzen (Verführung, Gewalt), nur auf der „anderen Seite“. Uns Zuschauern verdeutlich gerade der Doppelgänger, dass die Grenze zwischen Gut und Böse in der James-Bond-Agentenwelt nicht ethisch, sondern zufällig ist.
TEUFELSTANZ IN TOKIO wird oft zu den schlechteren Filmen der OSS 117-Reihe gezählt, weil ihm ein richtiger Bösewicht fehle. Tatsächlich entsteht durch den Doppelgänger-Bösewicht keine richtige Fallhöhe, kein Kampf unterschiedlicher Skills. Üblicherweise fechten Bösewichte in den Sixties-Spy-Movies mit Geld, Technik, Intelligenz ihren Kampf gegen die Superagenten Bond, OSS 117 und Co., die den Superschurken wiederum ihre Körperlichkeit (Gewalt, Sexiness) und ihr antizipierendes Verhalten (aus Intuition und Intelligenz) entgegen setzen. Als Chef der „Organisation“ wird zwar am Ende des Films noch ein reicher Fiesling eingeführt, doch ihn noch zu einem wahren Gegenspieler aufzubauen, schafft der Film nicht mehr. Interessant ist dennoch, dass es sich bei Bösewicht Yokuta San um den CEO einer Elektronik-Firma handelt. Widerspiegelt das doch die Angst, dass sich der florierende japanische Kapitalismus vom US-Imperialismus ablösen könnte.
Nichtsdestotrotz fährt der Film mit einigen Ideen auf, die zaghaft Ideen späterer Bondfilme vorwegnehmen. Der Riese, der OSS 117 in einem Ryokan töten will, nimmt mit seiner schieren Größe Bondgegner „Jaws“ vorweg – allerdings ohne den Gag des Gebisses. Yokuta Sans Tankschiff kann in seinem Bauch eine Yacht aufnehmen, was bisweilen an Curd Jürgens’ U-Boote bergenden Tanker in THE SPY WHO LOVED ME (1977) erinnert. Und die Leichtigkeit, mit der japanische Frauen mit weißen Westmännern anbandeln, wird ein Jahr später in YOU ONLY LIVE TWICE definitiv noch getoppt. In diesem Sinne:
OSS 117: „Ich hoffe auf fruchtbare Zusammenarbeit.“
Tetsuko, lachend: „Aber hoffentlich nicht zu fruchtbar.“
Atout Coeur à Tokyo pour OSS 117
Frankreich, Italien 1966
Regie: Michel Boisrond
Kamera: Fester Bestertester
Drehbuch: Marcel Mithois (basierend auf Romanen von Jean Bruce)
Darsteller: Frederick Stafford, Marina Vlady, Henri Serre, Jitsuko Yoshimura, Valery Inkijinoff u.a.
Laufzeit: 90 min.