Start inventing reality.

Es gibt Filme, die entlassen einen mit dem guten Gefühl, einen Roman gelesen zu haben. Clint Eastwoods Filme besitzen oft diese Qualität. Romanhafte Filme wie seine folgen oft nicht den durchsichtigsten dramaturgischen Varianten, haben eine gewisse epische Breite (nicht zu verwechseln mit Riesenbudget) und eine außergewöhnliche, literarisch anmutende Erzählweise (wie etwa BENJAMIN BUTTON). Außerdem hilft es, wenn die Dramaturgie eine „Reise“ durch Jahrzehnte und Orte wiedergibt.

Olivier Assayas’ DER MAGIER IM KREML ist so ein Film, der sich einen in Rückblende erzählten Trip durch das Russland der völlig entfesselten Jelzin-Ära und der Restrukturierung durch Putin vornimmt und dabei – trotz oder gerade auch wegen seiner Dialogszenen – ein reichhaltiges Sittenbild vermittelt, in gewissem Sinne auch ein Gefühl für die Befindlichkeiten der Herrschenden in Russland. Tatsächlich vermittelt Assayas’ Film gleich mehrere Perspektiven. Erstens eine russlandfreundliche als die eines Landes, das nach 1991 mit seiner Freiheit nicht klarkommt und von der neuen, neureichen Oberschicht und dem Westen ausgenutzt wird. In dieser Erzählung wird Putin zum Retter der Nation. Zweitens die russlandkritische mit gierigen, skrupellosen Oligarchen und in der Folge mit dem autoritären Herrscher Putin, der im Zweifelsfall für seine Macht und seine Ziele eines starken Russland über Leichen geht. Drittens die Metaebene, in der die Strukturen von totaler kapitalistischer Freiheit und autoritärer Demokratie durch die Inszenierung der Medien geschaffen werden. Womit wir beim „Magier“ wären.

Beim Magier des Kremls handelt es sich um die fiktive Figur des Vadim Baranov (Paul Dano), der aus der neuen Moskauer Freiheit in linksalternativen Szeneclubs und experimentellen Theateraufführungen den Weg in die kommerzielle TV-Station des Oligarchen Boris Beresowksi fand. Dank Beresowski, seines Zeichens „grauen Eminenz“ hinter Jelzin in den 1990er Jahren, gelangt Baranov in die obersten Etagen der russischen Politik und wird nach der erfolgreichen Präsidentschaftskampagne für den ehemaligen Geheimdienstchef, Vladimir Putin, zu dessen PR-Berater. Die Rahmenhandlung bildet das Zusammentreffen in der Datscha des zurückgezogenen Baranov mit dem Literaturkritiker und Politologen Lawrence Rowland (Jeffrey Wright), die als Ost-West-Spiegelbilder ihrer selbst auch ein differenziertes Gespräch führen können.

Russland 1990. Der junge Baranov schwankt durch die wilden, rauch- und alkoholgeschwängerten Studentenparties in besetzten Häusern und lernt dort die Performance-Künstlerin Ksenia (Alicia Vikander) kennen und lieben, die als Hipster-Domina einen Mann an der Leine herumpeitscht. Dass Baranovs Aufstieg übers Theater führt, insbesondere über eine Inszenierung des Romans „Wir“» von Jewgeni Samjatin wird bezeichnend für seine Person, denn Samjatins dystopischer Roman von 1920, oft als Vorläufer zu Orwells „1984“ genannt, zeigt eine kollektivistische Welt, die von einem „Wohltäter“ geführt wird. Was Baranov hier noch mit kritischen Hintergedanken inszeniert, wird er in Beresowskis TV-Kanälen und danach an der Seite Putins real inszenieren. Und zwar der neuen Medienwelt angepasst: Nicht klassisch propagandistisch, wie es die Sowjetunion tat. Die russische Bevölkerung in den 90er Jahren füttert er mit dümmlichen TV-Formaten (Frauen, die Oligarchen heiraten wollen), und auch unter Putin sollen die Menschen nicht belehrt werden, sondern dumm gehalten werden (v.a. als Anweisung russischer Trolle für die Westpropaganda).

Natürlich dreht sich in diesem Film auch alles um die Person von Putin, denn nicht zuletzt wird Putin auch von einem Star gespielt: Jude Law. Law ist tatsächlich ein visueller Volltreffer, spielt auch gut, zieht aber seine Mundwinkel etwas oft nach unten, was nervt (selbst wenn es parodistisch gemeint sein sollte) – wobei gleich mehrere Filmkritiker die kalte, „anti-charismatische“ Putin-Darstellung loben. Wohlgemerkt, Assayas’ Film ist kein Pro-Putin-Film und gibt viele kritische Situationen wieder (ließ er die Mehrfamilienhäuser in Moskau sprengen, um den zweiten Tschetschenienkrieg zu beginnen? Weshalb war seine Reaktion auf das Sinken der „Kursk“ extrem gefühllos?), trotzdem merken mehrere Kritiker an, der Film sei politisch verharmlosend (z.B. Les Cahiers du Cinema), andere bemerken einfach, dass der Film sich wie ein Wikipedia-Eintrag anfühle (Sight & Sound). Das ist allerdings auch die Stärke des Films. Die politische Analyse sei überzeugender als die emotionale Dimension, meint Sight & Sound, bemerkt aber auch, die Darstellung russischer Geschichte der letzten 35 Jahre sei westlich codiert, d.h. sehr auf das Verstehen des westlichen Publikums ausgerichtet. Was sonst?, möchte man dazu fragen.

DER MAGIER IM KREML konzentriert sich vor allem auf die schöne Welt der Oligarchen, die um die Machtzentren Jelzin und Putin kreisen, sich an exklusiven Parties und auf Yachten treffen (nur Putin steht in seiner Villa in Sotschi selbst am Grill) und je länger, desto mehr sich in den Westen absetzen (müssen). Mit der Verurteilung von Ksenias Lover werden Trennung oder Unterordnung der Oligarchen im neuen Russland aufgezeigt: Einst ein Freund Baranovs, wird der Oligarch Dmitri Sidorow (Tom Sturridge), Ksenias Lover und unschwer als Michail Chodorkowski zu erkennen, vor Gericht verurteilt. (Übrigens hat auch der Koch und spätere Wagner-Gruppe-Anführer Jewgeni Prigoschin (Andris Keiss) seinen Auftritt – vielleicht als neuer Gegenpol zu den Oligarchen?!).

Interessant ist allerdings auch, wie es Baranov schafft, in Russland Putins Popularität zu festigen. Indem er nach den Protesten in Moskau in 2011 eine Sammelbewegung gegen die progressiven Kräfte in der Gesellschaft schaffte, indem er Rockergruppierungen, die christlich-orthodoxe Kirche und gar Nationalbolschewisten unter der Partei „Einiges Russland“ vereinigte. Hier trifft sich übrigens die Realität mit Samjatins Dystopie, in welcher der alleskontrollierende Staat „Vereinigter bzw. einiger Staat“ heißt. Mit der bewussten Kehrtwende zum Konservatismus schaffte Putin ein Gegenmodell zu den „westlichen Werten“, die – auch das spricht der Film in Zusammenhang mit der „orangen Revolution“ in der Ukraine kurz an – eng verknüpft sind mit CIA-Unterwanderung der postsowjetischen Staaten.

Was Assayas an dem Stoff (basierend auf dem Debütroman von Giuliano da Empoli) interessiert, ist die Gedankenwelt der russischen Elite. Er zeigt nicht das Leiden der russischen Bevölkerung in der Ära Jelzin (wird nur kurz angesprochen) und erwähnt auch nicht die Einmischungen der USA in die russische Politik (z.B. zur Wahl Jelzins gegen den alle Polls anführenden Kommunisten Gennadi Sjuganow 1996, zu sehen in der arte-Dokumentation KRIMI IM KREML von Madeleine Leroyer oder nachzulesen in Naomi Kleins Buch „Shock Therapy“). Mit dieser Fokussierung wird DER MAGIER IM KREML auch zu einem Film über Macht, Reichtum und Sinnleere: Putins Einsamkeit an der Macht, Baranvos Rückzug aus der Politik aufs Land, Ksenias Tristesse als Oligarchenanhängsel im Westen, Beresowskis Sehnsucht nach einer Rückkehr nach Russland.

Aller berechtigten Kritik zum Trotz ist Olivier Assayas ein ernstzunehmendes politisches Sittengemälde gelungen, das immer mehrere Perspektiven einbringt und auch deshalb punktuell bleibt. Doch wegen seiner Romanstruktur entfaltet der Film doch eine faszinierende Wirkung. Dass ein derart brisantes und emotional geladenes europäisches Thema wie Russland ein breites Spektrum an kritischen Meinungen provoziert, dürfte Assayas klar gewesen sein. Und dennoch ist er, auch nach seinem fünf- (Langversion) bzw. dreistündigen (Kurzversion) Politthriller CARLOS – DER SCHAKAL (2010) der richtige Regisseur, um sich eines derart sensiblen Themas anzunehmen.

Le Mage du Kremlin
USA, UK, Frankreich 2025
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Emmanuel Carrère
Kamera: Yorick Le Saux
Darsteller: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Will Keen, Tom Sturridge, Jeffrey Wright u.a.
Laufzeit: 156 min.

Fotos: ©
Constantin Film