Die unendliche Leichtsinnigkeit des Seins.

Schwarzweiß prägt in François Truffauts Farbfilm DIE BRAUT TRUG SCHWARZ den Look von Julie Kohler (Jeanne Moreau). Nach der Weißen Hochzeit, an der ihr Mann erschossen wird, zieht sie als schwarzer Todesengel durch Frankreich und bringt alle fünf Mordbeteiligten um. Dabei ist sie tatsächlich immer weiß, schwarz oder weiß-schwarz angezogen.

Der Film schreitet frisch und frech voran, kümmert sich nicht um Glaubwürdigkeit oder das Detektivische. Wir erfahren z.B. nie, wie Julie herausgefunden hat, dass und welche Männer die Tat auf dem Gewissen haben. Die Handlung beginnt einfach mit einer geheimnisvollen Frau im weißen Kleid, Julie, die in das Appartement eines Monsieur Bliss gelangen will. Bliss (Claude Rich) ist nicht da, aber als wir ihn im Gespräch mit seinem ebenso gutaussehenden Freund Corey (Jean-Claude Brialy) sprechen hören, entpuppt er sich als rücksichtsloser Frauenheld, der im Begriff ist, sich zu verloben – doch seine Treue schon vorher anzweifelt. Bei der Verlobungsfeier taucht die geheimnisvolle Frau wieder auf, lockt Bliss auf den Balkon, und stößt ihn in die Tiefe. So arbeitet sich Julie an den Männern ab, die alle ihre Fehler haben. Der schüchterne Monsieur Coral (Michel Bouquet) hatte noch nie eine Frau und schwankt in seiner Art auf interessante Weise zwischen Ängstlichkeit und Glück darüber, dass eine Frau (Julie) ihn erwählt hat, und einem sofort aufkeimenden, sanften Machismo. Hier spielt das Musikalische eine wichtige Rolle: Julie hatte ihn in die Oper eingeladen, und bei ihm zu Hause spielt sie die mitgenommene Schallplatte mit Mandolinenmusik ab, zu dessen Sound sie den von ihr vergifteten Coral in den Tod tanzt.

Als dritter muss Clément Morane (Michael Lonsdale), ein mäßig guter Ehemann und ebensolcher Vater eines kleinen Jungen dran glauben, dem sie vorgibt, die Schulpsychologin Mlle. Becker zu sein (die echte Mlle. Becker wird kurz danach von Alexandra Stewart gegeben). Als Moranes Frau über Nacht weggelockt wird, kocht Julie für Vater und Sohn, spielt mit dem Sohn und schafft es danach, den Vater in einer Kammer unter der Treppe einzusperren und zu ersticken.

Während sie mit dem eingesperrten Morane spricht, wird der Tod ihres Ehemannes aus einer quasi „gemeinsamen“ Perspektive erstmals aufgerollt: Sie erzählt von ihrem Jugendfreund und der einzigen Liebe, die in diese Liebesheirat münden musste, während Morane ausführt, wie die fünf Freunde beim Kartenspiel mit einem Gewehr herumhantiert hätten, und just als der eine auf den Bräutigam vor der Kirche auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes gezielt hatte und man ihm das Gewehr entreißen wollte, löste sich ein Schuss. Die unendliche Leichtsinnigkeit des Seins bewirkte die tragische Wendung. Die Männergruppe ist verantwortlich für den Tod jenes Mannes, der als einziger der vielen Männer im Film die Fähigkeit beweist, eine wahrhaft symbiotische Beziehung mit einer Frau eingehen zu können, während die Männergruppe alle möglichen „üblen“ Eigenheiten von Männern auf sich konzentriert: unsensible Gespräche, Kartenspiel, Alkohol, Waffen.

Julies zweitletztes Opfer wird ihr letztes werden, denn als sie den schmierigen, mafiösen Schrotthändler Delvaux (Daniel Boulanger) erschießen will, kommt ihr die Polizei mit einer Verhaftung zuvor. Ihr viertes Opfer wird deshalb der Maler Fergus (Charles Denner), der Julie als Jagdgöttin Diana einkleidet und ausstaffiert. Das führt zu den schönen Szenen, in denen sie ihm Modell steht mit aufgespanntem Bogen, direkt auf ihn zielend. Fergus ist ein Kumpel von Corey, und wie dieser und Bliss ein selbstbewusster (und rücksichtloser) Frauenheld, einer jener, die Frauen als „Zeitvertreib“ sehen und Jagd auf sie machen. Der Jäger wird also zum Gejagten. Sein Badezimmerboden ist mit einem Gummibelag nackter Frauenbrüste ausgelegt – eine ironisch eingesetzte sexuell aufgeladene Interior-Design-Ästhetik, die sogar noch Allan Jones’ Tisch-, Stuhl- und Hutständerskulpturen aus Fetischfrauen vorwegnimmt (die wiederum auf Kubricks A CLOCKWORD ORANGE verweisen).

Und doch – als Maler Fergus Julie plötzlich eine Liebeserklärung macht, scheint sie einen Moment lang stutzig zu werden. Liebt nun der Mann, der noch nie eine Frau geliebt hatte, die Frau, die nur einen Mann je geliebt hat – und genau den verlor? Dem kurzen Zweifeln zum Trotz tötet Julie auch Fergus. Stutzig wird aber auch Corey, der sich stets zu erinnern versucht, wo er die Frau schon gesehen habe.

Schauspieler Charles Denner nimmt hier seine Rolle als leidenschaftlicher Frauenheld im neun Jahre später gedrehten DER MANN, DER DIE FRAUEN LIEBTE (1977) vorweg – dort allerdings unter dem Namen Bertrand Morane, dem Nachnamen eines anderen Opfers aus DIE BRAUT TRUG SCHWARZ. Truffaut, der mehrfach dieselben Namen oder Personen über mehrere Filme hinweg weiterzieht (natürlich Antoine Doinel), schafft damit Verschmelzungen von Charakteren innerhalb seiner Werke. So ist auch Julie Kohler nicht die einzige geheimnisvolle Julie bei Truffaut: Auch Julie Roussel/Marion (Catherine Deneuve) in DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (1969) umgibt ebenso ein Geheimnis wie Julie Baker (Jacqueline Bisset) in DIE AMERIKANISCHE NACHT (1973).

Bei DIE BRAUT TRUG SCHWARZ handelte es sich erst um den zweiten Farbfilm von Truffaut. So liegt es nahe, dass Julie Kohler auch die Sehnsucht nach dem Schwarzweißfilm verkörpert. Oder besser: So, wie sein erster Farbfilm FAHRENHEIT 451 (1966) die Angst davor thematisierte, dass Bücher verschwinden, steht Julie Kohler (das deutsch Kohle ist übrigens ebenfalls ein Sinnbild für Schwarz!) sinnbildlich für ein kämpfendes Schwarzweiß, das durch eine bunte Landschaft geht und den Tod der Schwarzweiß-Ehe rächt.

Vor allem aber macht der Film auch Spaß, mit dem Drive und dem Verzicht auf Psychologisierung gebiert er sich wie ein B-Movie-Noir der 1940er Jahre (der ja klassischerweise Black and White ist), in dessen Spätphase nach dem Zweiten Weltkrieg die mordende Femme Fatale zum Topos wurde. Als Angst vor den unabhängigen Frauen. Bei Truffaut rächt sich diejenige Frau, die noch lieben kann.

Ah ja, erwähnt sei auch Tarantinos Monumentalwerk KILL BILL, das ja dieselbe Geschichte erzählt, inklusive Abstreichliste und anderen Details. Obwohl, übrigens, der Meister ausgerechnet Truffauts Film nicht gesehen haben will – was ja eigentlich auch egal ist. Interessanter wäre allerdings eher Truffauts eigene Beziehung zu Frauen, zu der ich mich allerdings nicht kompetent äußern kann. Insbesondere in seiner Beziehung zur Schauspielerin Claude Jade stellt sich eine Parallele her, die er 1970 vierzehn Tage vor der Hochzeit „aufs Schnödeste“ verlassen hat. Allerdings entwickelte sich daraus eine lebenslange Freundeschaft und als Christine Doinel besetzte Claude Jade ebenfalls eine filmübergreifende Rolle bis ins Jahr 1979, angeblich übrigens gespickt mit Zitaten aus der Liebesbeziehung Jade-Truffaut.

La Mariée était en noir
Frankreich, Italien 1968
Regie: François Truffaut

Drehbuch: François Truffaut, Jean-Louis Richard, nach Cornell Woolrich
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Bernard Herrmann
Darsteller: Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jeand-Claude Brialy, Charles Denner, Alexandra Stewart u.a.
Laufzeit: 107 min.

Fotos: ©
United Artists

Anbieter:

Plaion Pictures