Der Mann im Boot und der Gammel im Film

Lothar-Günther Buchheim hat mit seinem autobiographischen Roman „Das Boot“, 1973 erschienen, literarische Räume geschaffen, die später 1981 sehr anders im Film dargestellt wurden. Dabei kann gleich zu Anfang konstatiert werden, dass die szenischen Räume des Films – das Setting und das Set – sehr viel spannender ausfallen als die semantischen und nicht-semantischen, weil dokumentarischen Räume des „Romans“. Denn ein Roman im engeren Sinne ist „Das Boot“ nicht, vielmehr ein fiktionalisierter und subjektivierter Erfahrungsbericht auf 600 endlosen, quälenden und zehrenden Seiten. Der Titel verspricht zwar eine Art reduzierte Hölle: das Kriegsschicksal mehrerer Männer gebannt in einer Konstruktion der Zerstörung; ist aber bestenfalls irreführend. Ein geeigneterer Titel wäre „Lothar-Günther Buchheim in einem Bootgewesen, oder einfach „Der Mann im Boot“. Übrigens ungefähr genauso realistisch in diesem Kontext wie der Mann im Mond…

„Manchmal wird der Mann im Mond / Für seinen treuen Dienst belohnt / Und wenn du ihn ganz lieb anschaust / Dann holt er die Laterne raus“, wie es Die Prinzen in „Mann im Mond“ singen, trifft auch hier zu, wobei die Laterne das dokumentierende Licht Buchheims ist, mit dem er die Vorgänge im U-Boot schildert. Die Mannschaft mit ihren (erst im Film wirklich) markanten Persönlichkeiten rund um „den Alten“ (den Kapitän), das Boot selbst mit allen technischen und mechanischen Details, die Bootsfahrt, der Ozean, die Etappen, Erfahrungen, Fehlschläge, Niederlagen. Ja, es ist detailliert und es wird jedem Schritt gebührende Aufmerksamkeit gewidmet, nicht zuletzt dem Gammel. Der Gammel ist im Romangeschehen die Zeit, die die Mannschaft auf Befehl zum Angriff warten muss. Gefühlte Jahre des Ausharrens, Schwitzens, Stinkens, alles im Kerker des U-Bootes. Dieser wahrlich albtraumhafte Aspekt von Buchheims Buch fehlt in der Drastik in Wolfgang Petersens Filmadaption. Wäre es filmisch umgesetzt worden, dann hoffentlich mit ähnlicher Hingabe wie die schier unerträgliche Schlusssequenz von Tarkowskis NOSTALGHIA (1983). Kein Kerze-Tragen, dafür Zoten reißen und aufs Meer gucken ad infinitum.

Die 208 Minuten lange Filmfassung des Director’s Cut zu sehen bedeutet, einen eindringlichen und bedrückend-verstörenden Kriegsfilm zu sehen. Dass dabei Herbert Grönemeyer die Rolle von Buchheim als Kriegsberichterstatter spielt, ist beinahe komisch. Rollenfremde, die sich überschneidet: der Musiker als Schauspieler und Buchheim – eigentlich Maler und Fotograf – als begünstigter Propaganda-Kriegsberichterstatter, der dann nach sicheren Jahrzehnten zum angeblichen Wahrheitspauker wird. Doch Film ist Film und „berichtet“ eine knallige Story, was überhaupt nicht verwerflich ist – das Drama der Katastrophen (Wasserbombenangriffe, Sinken und Beschuss im Hafen) unterhält wie Katastrophen unterhalten sollten: mit Glaubwürdigkeit und Distanz. Buchheim allerdings berichtet keine Katastrophen, er berichtet sich selbst beim Berichten. Das kann nun als Antithese zur sonstigen Nachkriegsliteratur verstanden werden, der absolute, stillose Ich-Bezug als Antwort auf Aufschrei im Grotesken (Grass) oder subversive Gesellschaftsmoral (Böll). Vielleicht ist es aber auch einfach stillose Ich-Bezogenheit, die weder unterhält noch etwas aussagt.

Denn wirklich viel passiert in der Tat nicht. Es gibt einen Feten-Auftakt vor dem Gefecht, ähnlich wie, aber niemals so gut wie in THE DEER HUNTER (1978); es gibt die Warterei, den Gammel, der schon ehrend erwähnt wurde; es gibt die Verfolgungsjagden auf und unter Wasser. Doch um einmal stumpf zu sein: dann doch lieber die Hollywood-Varianten mit ergrimmtem Sean Connery und den bösen-bösen Kommunisten. Es gibt auch einige halb-interessante „Fakten“ über Nazi-Taktiken, aber da verstört sogar der grausam-langweilige VOYAGE OF THE DAMNED (1978) mehr; zum Schluss dann noch das Gesunken-sein und das Entkommen, nur um im sicheren Hafen von Fliegerbeschuss niedergemäht zu werden. Zwischendrin lustiges (Berliner Schnauze)-Zotenreißen und die Tatsache, dass die deutsche Marine im Zweiten Weltkrieg so gar keine Lust auf irgendetwas hatte. Es bleibt die Frage zu stellen, die Kritiker, Theoretiker und Experten so wenig gern stellen: Was soll das?

Nach 600 Seiten und 208 Filmminuten muss man sich irgendwann in den Spiegel sehen können und der Überzeugung sein, dass das Ganze etwas gebracht hat. Etwas ausgesagt hat. Man möchte etwas gelernt haben, nicht nur Aushalten gelernt wie die Besatzung des U-Bootes im Gammel. Was wäre, wenn die gelesenen Seiten und gesehenen Minuten eben nur das waren: Gammel? Man ist privat und auch öffentlich nicht verpflichtet zu lügen. Sich selbst zu belügen, das Medium zu belügen. Der Autor dieses Textes sieht sich mehrmals in der Woche, ja mehrmals am Tag in den Spiegel und fragt sich: „Was habe ich aus dem BOOT mitgenommen, was habe ich gelernt?“

Er blickt die abgegriffene Taschenbuchausgabe im Regal an, die er buchstäblich auf dem Klo in einem Bio-Café gefunden hat und fragt sich: „Warum habe ich nach der Lektüre den Film gesehen, den anscheinend jeder Vater und Stief-Vater und Schwieger-Vater gesehen hat?“

Vielleicht hat sich der Autor auch vom Mann im Mond beobachtet gefühlt, oder vom Mann im Boot, denn wir sitzen ja alle im selben Boot. Vielleicht auch einfach wegen des Gammels, der uns zu verfolgen scheint, auf Papier und über den flimmernden Bildschirm.

FilmtDas Bootitel
Deutschland 1981
Regie: Wolfgang Petersen

Drehbuch: Wolfgang Petersen, nach Lothar G. Buchheim
Kamera: Jost Vacano
Musik: Klaus Doldinger
Darsteller: Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Hubertus Bengsch, Klaus Wennemann u.a.
Laufzeit: 149 min. (resp. 208 min. / Directors Cut)

Fotos: ©
Constantin Film