Wie es in die Wüste hineinschallt ….

REVENGE, erster Langfilm von Coralie Fargeat, ist ganz klar ein Rape-Revenge-Film, zwar ein den Genreregeln folgender, aber natürlich ein eigenwilliger. Schon hier kommt die Künstlichkeit der Inszenierung zum Vorschein, die in THE SUBSTANCE exzessiv eingesetzt wird. REVENGE hat bereits dieses Übertriebene, Unrealistische, Verrückte, Durchgedrehte und Durchgeknallte in kräftigen Farben wie sein Folgefilm. Trotzdem wohnen wir nicht der Comicstrip-Version einer Vergewaltigung und eines Rachefeldzugs durch die Wüste bei, sondern einer ernsthaften Perspektive aufs Thema.

Endlose Wüste. Ein Helikopter fliegt über den Horizont, auf die Kamera zu und über sie hinweg. Der flatternde Klang der Rotoren ist bedrohlich. Schnitt: Wir sehen die Wüste in grün getaucht. Als die Kamera zurückfährt, entdecken wir, dass es sich um die Spiegelung in der Brille eines gutaussehenden, mittelalterlichen Mannes handelt. In der Unschärfe hinter ihm im Helikopter sitzt eine junge Frau, etwas arg an Lolita erinnernd: ähnliche Brille, Loli im Mund und pinkes T-Shirt. Schnitt: Der Titel-Einblender REVENGE in riesigen klaren Lettern. In „klassisch“ Godardscher Manier wird das Gesehene sofort in einen anderen Kontext gestellt und das Thema der Rache mit der Größe der Lettern „laut schreiend“ eingeführt, noch bevor wir Liebe, Sex und Vergewaltigung gesehen haben.

Dann folgt erst einmal ein sehr chauvinistischer Traum von einer sexuellen Begegnung. Kontrastiert also gleich zum Wort REVENGE. Die junge Geliebte Jennifer (Matilda Lutz) macht Richard (Kevin Janssens) an, er zieht ihr rosa Miniröckchen hoch und begutachtet ihren Hintern, zieht sie an den Haaren, sie gleitet seinen Körper hinunter, um ihm einen Blow Job zu geben. Kein Kuss, aber knisternde Pornoerotik.

Wieder blendet die Kamera auf einen Text: „Regie: Coralie Fargeat“ und just in dem Moment hören wir Richards Mobiltelefon. Seine Frau ist am Apparat. Damit etabliert sich die Regisseurin Fargeat selbst als Regisseurin der Action, die hier gleich mal die wahren Beziehungsverhältnisse aufdeckt: Es gibt eine Geliebten- und ein Eheverhältnis und Richard bewegt sich in diesem Spannungsfeld.

Die gleißende Wüste wird hier zur Metapher, in der die Beziehung von Mann und Frau von allem gesellschaftlichen Ballast befreit ist. Die Leere rund um das Luxushaus mit den bunten Glaswänden (manchmal eine rosarote neben einer blauen) macht die Szenerie zu einer Versuchsanordnung: Part 1 davon ist das Sexweekend.

Fargeat scheut sich auch in der Folge nicht, Jennifer im roten String vor allem in ihren sexualisiertesten Bereichen zu zeigen: dem „Pfirsicharsch“ (Richard) von hinten und die knapp bedeckte Vulva von vorne. Als sie gerade in einen Apfel beißt – sie ist ganz biblische Frucht der Versuchung, und objektiviertes Früchtchen -, erschrickt sie. Mit einem hitchcockmäßigen Achsensprung sehen wir ihr Gesicht von der andern Seite, die „Welt“ ändert, sie schaut nach draußen. Durch die rosa gefärbte Glasscheibe der Villa sieht sie draußen zwei Männer mit Gewehren stehen. Wie Erscheinungen aus dem Nichts aufgetaucht, Männer als Jäger. Auch die zwei sehen Jennifer durch das rosa Glas.

Stan (Vincent Colombe) und Dimitri (Guillaume Bouchède) stellen sich als Teilhaber von Richard heraus, sie sind zu früh da und wissen nichts von Richards Geliebter. Und können kaum fassen, was sie da sehen. Jennifers Körper ist zu heiß, als dass Fargeat nicht ständig auf die Blicke der beiden Männer schneiden würde. Dazwischen Schnitte von Wrestlingkämpfen im TV, der angebissene Apfel, über den später Ameisen krabbeln werden. Gemeinsames Nachtessen. Gespräche über Jennifers Wunsch, nach LA zu gehen, „weil man da wahrgenommen wird“. Auf die Frage: „Als was wahrgenommen?“ antwortet sie lapidar „Just to be noticed.“ Natürlich, sie will irgendwie anders wahrgenommen werden als nur über ihren Körper, hat jedoch hat keine Ahnung, wie. Ihre männlichen Gegenüber allerdings sind zu schwanzgesteuert, als dass sie sich mit ihrem Wunsch auseinandersetzen würden. Sie beginnt zu tanzen, oft in Kombination mit Feuer gefilmt, zum Brodinski-Track „Cyborgs and Androids dance like machines“ und schnappt sich – weil Richard zu bekifft ist – Stan als Mann, der als Objekt ihrer Feelgood-Striptanzroutine hinstehen darf.

Dass Richard ausgerechnet am nächsten Morgen weg musste und als schützender Faktor fehlt, spitzt die Situation zwischen Stan und Jennifer in extremis zu. Er beobachtet sie beim Umziehen, nähert sich ihr auf unangenehme Weise und treibt sie in die Enge: „Why am I not your type?“ Auch für ihr „klitzekleines Austernhirn“ müsse ja klar sein, dass sie ihn begehre. Auster als Vulvametapher: Auch ihr Gehirn darf nicht anders sein als Sexobjekt. Als Dimitri in die Vergewaltigung hereinstolpert und sie unterbricht (und so hässlich einen Riegel frisst wie Dennis Quaid in THE SUBSTANCE), hätte er eingreifen und Stan zur Raison bringen können. Aber er entscheidet sich anders, schließt die Türe hinter sich, hört Jennifers Schmerzschreie und stellt den Fernseher an, um nicht zuhören zu müssen.

Als Richard zurückkommt, inszeniert Fargeat eine obszöne Drehung seiner Haltung. Erst schockiert, will er sie mit Geld und Jobangebot zum Schweigen bestechen, doch als sie das nicht akzeptiert, wird sie für ihn auch zur „kleinen Hure“. Schluss lustig, Jennifer ist eben ein Sexobjekt, ihre Vergewaltigung darf keinen Einfluss auf das weitere Leben der Männer haben. Die Wüste hat die Wahrheit hervorgekitzelt. Alle drei Männer sind schuldig, wissen das, und werden zu echten Jägern. Sie verfolgen die flüchtende Frau zu dritt. Sie wird einen Abhang heruntergestoßen und ist (von einem abgebrochenen Ast aufgespießt) faktisch tot. Vorhang auf für Part 2.

Fargeat baut in REVENGE unglaubliche Metaphernszenen ein. Den Detailaufnahmen von Bluttropfen, die in den Sand fallen, werden Sounds von Gewehrschüssen unterlegt. Ameisen erschrecken. Kraxeln dann Jennifers blutenden, aufgespießten Körper hoch. Ihre Arme wie Jesus am Kreuz ausgebreitet, stöhnt und schreit sie, doch dreivierteltot findet sie einen Weg überraschenden Weg, sich zu befreien und zu überleben. War im ersten Teil die Handlung absehbar (aber unglaublich spitz und gut inszeniert), beginnt im zweiten Teil ein unvorhersehbarer, wilder Kampf um Leben und Tod.

Die Männer suchen die Leiche, um sie zum Verschwinden zu bringen. Jennifer kann flüchten und wird zur Erinnye mit MacGuyer-Intelligenz, zum blutenden Racheengel, dem ein Ast mitten durch den Körper ragt. Überhaupt ist das, was folgt, nichts für schwache Nerven: Wie sie etwa in einer Selbstermächtigungsszene in einer Höhle unter dem Einfluss von Peyote den dicken Ast aus sich herauszieht und die Wunde desinfiziert … und was für eine Rolle eine Büchse mit mexikanischem Bier spielt, die zwei Engelsflügel als Logo zieren. Wiederum unglaublich eigenwillig und gut geschnitten, wird die Höhlenszene zu einem sakralen und psychedelischen Ritual. C.G. Jung würde sich freuen: Im Gang in die Höhle stirbt das alte „Ich“, und das neue wird geboren, oft als schmerzhafte und blutige Erleuchtung. Dass Fargeat auch alle filmischen, dramaturgischen und musikalischen Mittel des Horror- und Actionkinos kennt, wird in der Folge des Films klar. REVENGE entwickelt sich zum übertriebenen, aber spannenden Revenge-Film, der die Klaviatur der Genres perfekt beherrscht – bis hin zu der billigen Synthesizermusik, wie wir sie von den italienischen Postapokalypse- und Horrorfilmen der später 1970er Jahre kennen. Jennifer ist natürlich immer noch äußerst attraktiv als blutverschmierter Todesengel, doch die Kameraeinstellungen fokussieren nicht mehr auf die Geschlechtsteile. Jennifer wird zu derjenigen, die nun mit dem Feldstecher „sieht“, die sich nun mit dem aktiven Blick, der vorher den Männern zugeordnet war, ermächtigt hat. Der Verwandlung vom passiven Rohmaterial des männlichen Blicks zu einer aktiv Sehenden entspricht eine Einstellung am Ende des Films, in der Jennifer direkt in die Kamera schaut.

Revenge
Frankreich 2017
Regie & Drehbuch: Coralie Fargeat
Kamera: Robrecht Heyvaert
Musik: Robin Coudert
Darsteller: Matilda Lutz, Kevin Janssens, Vincent Colombe, Guillaume Bouchède u.a.
Laufzeit: 108 min.