Something very good is going to haunt you.

Irgendetwas stimmt nicht, wenn man spätnachts auf der Reise zu den Eltern des Bräutigams ein Baby allein in der Kälte entdeckt, im leeren Restaurant nur einem schwer atmenden Sänger, dem „Zeugen“ (Zlatko Buric), begegnet und nur mit Mühe wegkommt. Andererseits kennt Rachel (Camila Morrone) ja den Titel der Serie nicht. Sie ahnt nicht, dass erst später im feudalen, labyrinthischen Anwesen mitten im Wald, in dem Nickys (Adam DiMarco) gesamte Familie bereits wartet, das Versprechen des Titels umgesetzt wird: SOMETHING VERY BAD IS GOING TO HAPPEN, liebe Rachel.

Die achtteilige Serie wird von Netflix vorzugsweise über den Namen der Duffer Brothers vermarktet. Die beiden STRANGER-THINGS-Macher haben lediglich ihren Segen zum Projekt gegeben, fungieren über ihre Produktionsfirma Upside Down Pictures als Mitproduzenten und haben mit Regisseurin Veronika Tofilska für 4 Folgen eine STRANGER-THINGS-routinierte Kraft in der Umsetzung (die anderen Folgen stammen von zwei weiteren bewährten Female-Horror-Regisseurinnen, der Belgierin Axelle Carolyn und der Schweizerin Lisa Brühlmann). Die Ehre gebührt allerdings der erst 31jährigen Haley Z. Boston, über deren Script die Brüder Matt und Ross begeistert waren: „We were knocked flat when we first read Haley’s script. She is a major new talent with a singular voice — her writing is twisted, terrifying, funny, and just… very Haley.”

‘Very Haley’ bedeutet im Falle von SOMETHING BERY BAD: Ein nie enden wollender psychischer Alptraum voll steter Unruhe und existenzieller Verunsicherung. In Nickys Familie durchlebt Rachel das Gegenteil von Geborgenheit, doch auch ihre eigene Familiengeschichte holt sie auf beängstigende Art ein. Das alles in einsamen Waldhütten, mit kalten, dunkel beleuchteten Bars mitten im Wald und einem zweideutig eingesetzten, haunting Fünfziger-Jahre-Schmachtfetzen, Paul Ankas „You are my destiny“, der im On- und im Off- des Films immer wieder in beängstigenden Situationen auftaucht – einmal vom „Zeugen“, diesem seltsamen alten Herrn, in einer dunklen Neonbar ohne Publikum interpretiert. Wen das alles an BLUE VELVET (den Song und den Film) und TWIN PEAKS erinnert, dürfte goldrichtig liegen. Haley Z. Boston nahm die beiden Lynchschen Meisterwerke des Unheimlichen, die auf dem Land und in Wäldern handeln, als Grundlage ihrer achtteiligen Serie. Allerdings verfährt sie dramaturgisch anders als Lynch, weniger ausschweifend als TWIN PEAKS, stets auf den Effekt bedacht. SOMETHING VERY BAD IS GOING TO HAPPEN beginnt nicht mit einem Mord, der aufgeklärt werden muss, sondern mit einer Vorfreude auf die eigene Hochzeit, die in immer beängstigendere Gefilde eintaucht.

Wenn schon eine Hochzeitseinladung, auf deren Rückseite die Worte „Heirate ihn nicht“ steht, in der ersten Episode einen leichten Schauer zu erzeugen mag (und das vermag sie), dann ist sie der Startschuss durch eine Tour de Horreur, die stets die Spannung aufrecht hält und immerzu überrascht. Genügend Personal liefert schon Nickys Familie (ganz zu schweigen von denen, die hier noch nicht aufgezählt werden) mit Familienoberhaupt Dr. Boris Cunningham (Ted Levine), einem gefährlich-eigenwilligen alten Mann mit der noch beunruhigenderen Ehefrau Victoria (Jennifer Jason Leigh). Ob der Familienname dem großen Musikvideoregisseur Chris Cunningham entlehnt ist, soll hier offenbleiben. Nickys hipsterige, blonde Schwester Portia (Gus Birney) nervt nicht nur mit ihrer Hochzeitsplanung, sondern verstört mit ihren Stories vom „Sorry Man“, der Frauen töte, die sich in den Wald wagen. Bruder Jules (Jeff Wilbusch) ist ein eklig-aufdringlicher Typ, der aber noch mehr Geheimnisse in seinem Nachttischchen und in seiner Kindheit hat. Aber weshalb steckt seine Frau Nell (Karla Crome) seinen Kopf unter Wasser, bis er nicht mehr atmen kann? Selbst was Söhnchen Jude filmt, trägt zu den Andeutungen unaussprechlicher Geschehnisse einer Vergangenheit bei, die die Zukunft terminieren wird: Something very bad is going to happen.

Natürlich handelt es sich hier um eine Serie, wie Haley Z. Boston meint, die von der Angst handelt, den falschen Menschen zu heiraten. Der Talk vom „Soulmate“ dominiert die Serie. Ein Fluch lastet auf Rachel, wenn sie einen Partner heiraten würde, der nicht zu 100% ihr Soulmate ist. Doch eigentlich geht es stärker darum, dass man nicht nur einen Menschen heiratet, sondern sich in eine Sippe hineinheiratet. Hier liegt der eigentliche Aufhänger der Serie: Geradezu archaisch wird aufgezeigt, dass nicht zwei Individuen heiraten, sondern zwei Familien (wobei eine hier fast vollständig abwesend ist). Kein Wunder haben die Rituale etwas frühzeitliches, Folk-Horror-mäßiges: abgelegener Wald, Familienhaus, mythologische Geschichten, Abstammung. Und das, obwohl es sich bei Nickys um eine in sich funktionierende Elitefamilie handelt.

Die Ehe wird nun zum Moment, in dem soziale Ordnungen und individuelle Bedürfnisse verschmelzen müssen. Für Rachel schwierig, weil sie die Regeln und Codes der anderen Familie nicht kennt. Alles ist fremd und seltsam. Rituale wie das gemeinsame Nachtessen sind unverständlich. Rachel erlebt lauter Unsicherheitsbeziehungen genau dort, wo sie sich sicher fühlen sollte. Dadurch erlebt Rachel einen Vertrauensverlust, das eigentliche Thema der Serie: Sie weiß nicht, wem oder was sie glauben kann. Die Kameraführung setzt dieses Thema überaus eigenwillig um, indem sie wie irre hin und herdreht und ein ständiges Gefühl der Verwirrung und Orientierungslosigkeit verbreitet.

Etwas Schlimmes wird passieren? Nur „Etwas“ ist zu wenig … Spannung garantiert.

Something very bad is going to happen
USA 2026

Created by: Haley Z. Boston
Regie: Weronika Tofilska, Axelle Carolyn, Lisa Brühlmann
Darsteller: Camilla Morrone, Adam DiMarco, Gus Birney, Karla Crome, Sawyer Fraser, Jeff Wilbusch, Ted Levine, Jennifer Jason Leigh
u.a.
Laufzeit: 8×45 min.

Fotos: ©
Netflix

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Netflix