Ein seltsames Gemisch ist das. David Robert Mitchells THE END OF OAK STREET funktioniert mit der Logik eines Kinderfilms, ist aber für Kinder viel zu brutal, graphisch wie psychisch. Produziert von J.J. Abrams wähnen wir uns in einem seiner „Ich liebe Steven Spielberg für E.T. und die GOONIES“-Flip, eine Welt, der er selbst mit SUPER 8 (2011) ein Denkmal gesetzt hat.
Tatsächlich befinden wir uns in einem US-Vorort des Jahres 1982 (ja, the year E.T. broke). Die Platts sind eine ganz normale Familie mit zwei Kindern und einem Hund, der – of all names – „Starbuck“ heisst, und mit Eheproblemen, die ökonomische Wurzeln haben. Gregg Platt (Ewan McGregor) arbeitet auch während Quartiersfesten und anderen Unzeiten, obwohl er Denise Platt (Anne Hathaway) versprochen hat, die Nebenjobs aufzugeben. Wie wir später erfahren, verschweigt er, dass er seinen Hauptjob vor Wochen verloren hat. Denise dagegen ist hobbymäßig ein Schreibtalent, die die Unzufriedenheit mit ihrem Mann in Literatur wandelt. Der Junge Brian (Christian Convery) hat Probleme mit aggressiven Gleichaltrigen (und wird – E.T. löste den Trend aus – auf seinem BMX-Fahrrad verfolgt) und Tochter Audrey (Maisy Stella) scheint wie ihr Bruder von den Nachbarskids entfremdet zu sein. Ach ja, und der Nachbar (P.J. Byrne) ist ebenfalls eine Nervensäge, vor allem, als er die Platts beschuldigt, dass Starbuck einen meterhohen Riesenschiss in seinem Garten platziert habe.
Der gigantische Kothaufen ist zusammen mit einer seltsamen, vor Jahrmillionen ausgestorbenen Pflanze und nächtlichen Lichtern der erste Hinweis, dass sich in der Nachbarschaft gewaltig etwas ändert (und natürlich auch im Familiengefüge). Und mit einem Schub überzieht eine gigantische prähistorische Welt voller hungriger Saurier, riesiger Flugsaurier und unendlich großer und langer Wasserschlangen die idyllische Vorstadt, eingewuchert von dichtester Urwaldflora und umgeben von speienden Vulkanen. Die Menschen geraten in Panik und können sich meist nicht vor dem urzeitlichen Ungetier retten. Die Platts schaffen‘s aber fürs erste und verbarrikadieren sich in ihrem Heim, nachdem sie gesehen haben, dass ihr Vorstädtchen in eine urgeschichtliche Welt wie eingepflanzt wurde.
Es ist eine der Idiotien des Films, dass Denise gleich eine Erklärung herbeifantasiert, die einfach akzeptiert wird: Der Vorort gerät durch eine Zeitverschiebung in die Vergangenheit. Mehr nicht. Wie auch in seinen früheren Filmen IT FOLLOWS (2014) und UNDER THE SILVER LAKE (2019) schert sich Regisseur Mitchell wenig um die Hintergründe. Er verzichtet einfach auf den MacGuffin, der erklärend dem Unverständlichen Logik verleiht. Schließlich geht‘s jetzt nur noch ums Überleben, und das macht den Film aus. Brian sieht im Garten Starbuck, der vor einem kleinen Saurier flüchtet, und verlässt die Familienfestung. Audrey sieht das und geht auf die Suche nach Brian. Die Eltern entdecken die Abwesenheit beider Kinder und gehen auch ins prähistorische Todesgelände.
Die böse Natur hat übernommen: Wir werden Zeugen vieler Massaker und Beinahe-Tötungen, in denen sich eine böse Tierwelt von hinten anschleicht, sehen die ungebremste Regellosigkeit der neuen Welt, inklusive kopulierender Riesensaurier (die witzigste Szene des Films) und ein ständiges Herumirren der Protagonisten auf der Suche nacheinander, im Grunde auf der Suche nach der Familie. Die Verhaltensweisen und Begründungen, die Einfachheit des Plots sind auf einem Niveau, das für Kinder grad noch glaubwürdig sein könnte, aber für Erwachsene ein Hohn ist. Die Brutalität einzelner Szenen und der Spannungsbogen anderer allerdings ist nicht wirklich für Kinder geeignet. Wer sein Hirn genügend abstellen kann, wird mit einem sehr unterhaltsamen Sommerfilm belohnt, einem JURASSIC PARK auf LSD. Einmal mehr dominiert die Lust an Gefahr und der Zerstörung der eigenen Welt, doch für einmal nicht durch überlegene Aliens, sondern durch primitive Tiere. Und nicht das Weiße Haus wird in den Fokus genommen, sondern ausschließlich die eigene Nachbarschaft. Mit Genüßlichkeit wird uns der Tod unserer nächsten Nachbarn präsentiert.
Die Nachbarschaft, die für Sicherheit, Zusammenleben und soziale Stabilität stehen soll, wie beim Gemeinschaftsfest zu Beginn des Films, zerbricht und wird gar zu einem feindlichen Raum. Gregg Platt hat um die Existenz der Familie zu kämpfen, indem er in prekäre Arbeitsverhältnisse hineingerät. Auch wenn hier die heutige Welt projiziert wird, ist 1982 eben auch der Beginn der neoliberalen Zeitrechnung, der Reagonomics, unter der wir heute umso stärker leiden. Was mit dem Einbruch der Urzeit geschieht, ist eine Aufhebung aller sozialen Regeln. Als kleiner Familienverbund gilt es nun, nur noch ums Überleben zu kämpfen. Dabei tut sich Denise besonders hervor (übrigens eine weitere gute Leistung von Anne Hathaway). Ob gewollt oder unbewusst, zeigt sich THE END OF OAK STREET als Metapher für den fortschreitenden Zusammenbruch der zivilisatorischen Ordnung.
Aber keine Angst. Am Ende ist THE END OF OAK STREET auch ein Hollywoodfilm.
The End of Oak Street
USA 2026
Regie & Drehbuch: David Robert Mitchell
Kamera: Michael Gioulakis
Musik: Michael Giacchino
Darsteller: Anne Hathaway, EwanMcGregor, Maisy Stella, Christian Convery u.a.
Laufzeit: 99 min.