David Cronenbergs Body-Horror-Nachfolge findet in Frankreich statt. Zu Julia Ducournau und Coralie Fargeat gesellt sich mit Marion Le Corroller eine weitere Regisseurin hinzu. In ihrem ersten Spielfilm SANGUINE (engl. Titel: SPECIES) nistet sich das Unbehagen vor aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen bereits in der komödiantischen Eingangsszene unter der Haut ein. Im Fast-Food-Restaurant „Bloody Burger“ muss es schnell gehen: Der übertrieben zuvorkommende junge Mann an der Kasse hat einen Knopf im Ohr, über den der Filialleiter ihm mitteilen kann, wenn er die Bestellung zu wenig schnell aufnimmt. Abwicklungsjobs werden heutzutage extrem auf unmenschliches Tempo hin konzipiert, wie wir ja von Amazon wissen, wo selbst die WC-Besuche der Angestellten zum Zeitproblem werden. An der Kasse des „Bloody Burger“ gesellt sich die menschliche Komponente hinzu: Ein Influencer-Gast stellt sich quer, weil es den „Royal“-Burger nicht mehr gibt, der Angestellte kann kaum noch darauf antworten, weil seine Abwicklungszeit pro Kunde abläuft und ihm Influencer wie über Funk Filialleiter gleichzeitig mit Kündigung drohen. Der Angestellte verliert sein künstliches Lächeln, und was er mit dem Influencer anstellt, übertrifft alles, womit „Bloody Burger“ sich einen Namen gemacht hat.
Schnitt in ein großes städtisches Spital. Die junge Assistenzärztin Margot (Mara Taquin) muss wie die anderen Assistenzärzte in einem Zimmer übernachten, das aussieht wie eine Isolationszelle (denn Freizeit gibt‘s ja schon lange nicht mehr für Assistenzärzte). Unglücklicherweise wird sie auch in die Notaufnahme eingeteilt, wo ihre Chefin Hélène Virgile (Karin Viard) Erfolg nach Anzahl erledigter Fälle berechnet, und das sind eine hohe Anzahl pro Tag.
Ihren ersten Fall bearbeitet sie mit ungern gesehener Sorgfalt, doch der erweist sich als äußerst merkwürdig. Ein seltsamer Hautausschlag hat sich auf dem Rücken einer schwangeren Investment-Traderin gebildet, die die Notfallabteilung eigentlich wegen ihrer Schlaflosigkeit aufgesucht hat. Bevor Margot den ungewöhnlichen Fall weiterzeigen kann, ist die Traderin abgehauen. Dass Margot mit ihrer Sorgfalt viel zu schlecht performt (phasenweise 7 Fälle statt der geforderten 25), führt ihre Chefin mit traumwandelnder Analysefähigkeit auf das Trauma des unnötigen Todes ihrer Mutter zurück: „Stop treating every patient like your mother.“
In der Gehetztheit des Gefechts beginnt auch Margot schlecht zu schlafen und einen unappetitlichen Ausschlag zu entwickeln. Was mit etwas Blut beginnt, das ohne sichtbare Wunde aus dem Körper austritt, führt zu nächtlichem Blutschwitzen und schließlich Blasen und Geschwüren, die aufplatzen und sich besonders ekelhaft wegkratzen lassen. Die verunmöglichen ihr emotionale und erotische Beziehungen zu einem empathischen Assistenzarzt und einer anfangs konkurrierenden Assistenzärztin. Damit sie nicht aus dem Team fliegt, bleibt ihr nur noch, ihre seltsame, nirgends verzeichnete Krankheit auf eigene Faust zu recherchieren.
Wie Margot während der Recherche weiterer Fälle herausfindet, handelt es sich um eine neuartige Umwandlung der DNA bei Menschen, die einem unnatürlichen, unmenschlichen Stress unterworfen sind. Die Burnout-Mutation wird nicht erklärt, sondern körperlich erfahrbar gemacht. Damit beginnt eine Reise mit Cronenbergschen Verschwörungs-Anklängen, beengenden Weitwinkel-Einstellungen und einem unappetitlichen Finale.
Auch wenn SANGUINE denselben Make-up-Artist vermerkt wie <a href=“https://splatting-image.com/2024/11/the-substance/“ target=“_blank“ rel=“noopener“>THE SUBSTANCE</a>, Pierre-Olivier Persin, ist der Film stilistisch weit entfernt von Fargeats Erfolgsfilm. Statt grellen Farben dominiert hier eine düstere Atmosphäre und mit Ausnahme der blutrot gestrichenen Spitalgänge (!) wird sehr viel Wert auf ein naturalistisches Setting gelegt. Die extremen Nahaufnahmen auf die Haut sind eklig und abstoßend. Die manchmal fast mikroskopisch nahen Aufnahmen hat Le Coroller mit Persin penibel recherchiert und nach dermatologischen Vorlagen und Mutationen konstruiert.
Sanguine
Frankreich, Belgien 2026
Regie: Marion Le Corroller
Drehbuch: Marion Le Corroller, Thomas Pujol
Kamera: Guillaume Schiffman
Musik: Robin Coudert
Darsteller: Mara Taquin, Karin Viard, Kim Higelin, Sami Outalbi, Clémen Bresson, Sonia Faidi u.a.
Laufzeit: 103 min.