Weiß auf weiß.

Visuelle Schönheit ist garantiert in BLOOD ON SNOW, denn eingefangen hat die japanischen Schneelandschaften Hidetoshi Shinomiya, seines Zeichens für die Bildwelt von Hamaguchis DRIVE MY CAR verantwortlich. Wenn die Familie von Minoru (Hiromitsu Kitayama) in das Haus seiner Familie zieht in einer Region, die für starke Schneefälle bekannt ist, sehen wir vor allem: Weiß. Weiß wie das fahle Gesicht seiner Frau Yuki (Chihiro Kato), und weiß wie die Gemälde im Elternhaus, auf denen eine Frau zu sehen ist, die Yuki enorm gleicht. Japanese style, natürlich, mit langem schwarzem Haar.

Minorus Vater Shigeru (Shiro Sano), an Demenz leidend, reagiert mit merkwürdiger Angst auf Yuki. Immer wieder ruft er in ihrer Gegenwart den Namen seiner verstorbenen Frau. Es scheint auch eine Verbindung zu bestehen zu einer mysteriösen Schneefrau, die in der Gegend herumgeistert. Als Shigeru eines Morgens in entsetzlichem Zustand draußen im Schnee tot aufgefunden wird, nimmt der Spuk überhand. Die neue Umgebung bereitet definitiv niemandem mehr Freude. Yuki scheint von einem Geist besessen zu werden, Sohn Akiras Sicht auf seine Mutter ändert sich, Minoru wird wie weiland Jack Torrance in SHINING zum besessenen Workaholic: Wie irre designt er am Computer Bilder von Schneekristallen und malt die weißen Geisterfrauen. Geisterfrauen, die in der Umgebung immer öfter auftauchen. Tatsächlich will Eisuke Naitos BLOOD ON SNOW so etwas wie ein japanischer SHINING sein und zitiert auch die „Türszene“ aus Kubricks Werk, schafft es aber nicht wirklich, eine beängstigende Stimmung aufzubauen. Minorus Vervielfachungen der Schneekristalle sind dramaturgisch viel flacher aufgebaut als die Entdeckung, dass Jack Torrance wochenlang nichts mehr anderes in seine Schreibmaschine getippt hat wie „All work and no play makes Jack a dull boy“.

Was viele japanische Horrorfilme um die Jahrtausendwende so unglaublich modern machte, fehlt hier: Die Beziehung vom Alltag oder von Mythen zur modernen Medientechnologie. Die Videokassette als „Virus“ und das Telefon als Todesbote in RINGU (1998), die Geistergeräusche auf dem Anrufbeantworter in JU-ON (2002) oder die mysteriöse Website in SUICIDE CIRCLE (2001) waren sogar die eigentlichen Werkzeuge des Schreckens. Hier dagegen geht es um rein Mystisches. Großvater und Vater sind verdammt, eine Schneefrau geheiratet zu haben. Es zieht sie geradezu ins Verderben (denn nicht Yuki wollte aufs verschneite Land ziehen, sondern ihr Mann Minoru). Doch es scheint ein Schicksal dahinter zu stehen, denn schon Yukis Name verweist auf „Yuki-Onna“, den Geist in Person einer wunderschönen, blassen Frau, die in Schneestürmen erscheint.

Mit der Zeit häufen sich die paranormalen Ereignisse, und nicht nur die. Leider auch die individuellen paranoiden Symptome der verschiedenen Personen, so dass man als Zuschauer kaum entscheiden kann, mit wem man mitgehen und mitfühlen soll. BLOOD ON SNOW fühlt sich an, als wäre Regisseur Eisuke Naito noch während dem Filmen auf der Suche nach dem besten Ende. Einzig Klein-Söhnchen Akira (Aoto Yamatani) gelingt es, aus Unverständnis der Vorkommnisse zu Entschlossenheit zu gelangen. Wen wunderts, bedeutet der Name Akira doch hell, klar, intelligent.

Hyoketsu (international oft auch Ice Blood)
Japan 2026
Regie: Eisuke Naito
Kamera: Hidetoshi Shinomiya
Darsteller: Hiromitsu Kitayama, Chihiro Kato, Aoto Yamatani, Shiro Sano
u.a.
Laufzeit: 98 min.

Fotos: ©
© Hakuhodo DY Music & Pictures