Leben wir? Oder lebt unser Code?

Ari Asters EDDINGTON ist keine Komödie, kein Science Fiction Film, kein Western und auch kein (Neo-)Realismus-Film, auch wenn er als all das gesehen werden könnte. Vielmehr bewegt sich der Film in einer Hyperrealität, einer zugespitzten Form der Realität. Dabei ist der Begriff „Hyperrealität“ nicht zufällig gewählt, sondern schafft einen Bezug zu Jean Baudrillards Theorie der Simulation, die inzwischen wieder an Aktualität zugenommen hat – nachdem es lange schien, dass Baudrillard in Vergessenheit geraten sei. Wer hatte eigentlich die Idee, Baudrillard als Philosophen des 20. Jahrhunderts nicht ins 21. Jahrhundert mitzunehmen? Wer Baudrillard damals lediglich als trendy Poststrukturalisten bezeichnete und bei MATRIX (als Umsetzung von Baudrillards Theorien) lediglich ein müdes Sci-Fi-Lächeln übrighatte, sollte seine Ansicht dank EDDINGTON langsam überdenken. Das ist Baudrillard mitten in der Realität. Mitten in der „Agonie des Realen“ (der Titel des Werks, das hier zitiert wird).

In der als Soziotop inszenierten Kleinstadt Eddington clashen bekannte Post-Truth-Wahrheiten aufeinander. Nicht irgendwann, sondern im vielleicht kondensiertesten Moment der US-Geschichte des 21. Jahrhunderts, im Jahr 2020, gezeichnet von der Covid-Pandemie und den landesweiten Unruhen rund um die Ermordung von George Floyd durch die Polizei. Plötzlich unterteilt sich Eddington in Black-Lives-Matter-Antifa-Demonstranten, die Messages aus den fremden Städten übernehmen, den Maskengegner-Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix), begrifflich leer und ein Auto voller MAGA-Slogans fahrend, den demokratischen Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), ein aalglatter Politiker, der vor allem den Bau eines Rechenzentrums auf seiner Agenda hat, und in mehrere Verschwörungstheoretiker wie Cross’ Ehefrau Louise (Emma Stone), deren Mutter Dawn (Deirdre O’Connell) und den Sektenführer Vernon Jefferson Peak (Austin Butler).

Den ganzen Film hindurch filmen die Akteure mit Handy alles, was in ihre Wirklichkeit passt, es wird gescrollt, es werden heikle Geschehnisse wie Beschimpfungen untereinander mit viraler Verbreitung zu Skandalen hochstilisiert, die damit den Lauf der Dinge beeinflussen. Der Zuschauer hat nicht mehr das Gefühl, dass die Kleinstadtgemeinschaft noch willens wäre, stillen Übereinkommen der Gemeinschaft  nachzukommen oder Konflikte selber auszuhandeln, werden doch all die „Interessengruppen“ von außen her beeinflusst. Das „Außen“ der politischen Grundkonzeptionen (BLM, MAGA, etc.) übt einen stärkeren Einfluss auf die Kleinstadt aus als das (vielleicht einst existierende) Gemeinschaftsgefühl. Jeder kennt jeden, doch jetzt ist die Gemeinschaft in Gruppen aufgesplittet: Maskenpflicht, Antifa-Ideologie, neoliberaler Kapitalismus oder Verschwörungsnarrative. Diese Subgruppen haben ihren je eigenen Realitätsfilter. Die Modelle der Realität werden nicht mehr aus einem irgendwie gemeinsamen Ursprung abgeleitet, sondern sie konstituieren das Reale aus der Ferne. Daraus entsteht eine Welt des Hyperrealen, in der es kein Wahr oder Falsch, kein Wirklich oder Imaginär zu geben scheint. „Die Wirklichkeiten, in denen die Einzelnen leben, sind einander fremd geworden“, sagt Ari Aster den Cahiers du Cinema gegenüber. Und Baudrillard: „Es geht nicht mehr um die falsche Repräsentation der Realität (Ideologie)“, sondern darum, dass die Wirklichkeit längst durch konkurrierende Theorien, Bilder, Narrative, Codes konstruiert wird.

Die Hyperrealität der Kleinstadt Eddington fühlt sich – so Ari Aster – an wie in einem Western, wie eine Frontier, die Moderne und Barbarei voneinander trennt. Gerade Sheriff Cross orientiert sich deshalb auch am Ursprungsmythos der Vereinigten Staaten. Er ist Opfer der staatlichen Willkür (Maskenpflicht), aber dadurch auch Westernheld und Kämpfer für die Freiheit. „Wo das Reale nicht mehr ist, was es war, bemächtigt sich die Nostalgie seines Sinns. Überboten wird sie nur noch von Ursprungsmythen und Zeichen der Realität, von einer sekundären Wahrheit, Objektivität und Authentizität.“ (Baudrillard, S.15/16) Auch alle anderen stülpen sich eine Interpretationsschablone über, bevor sie das Geschehen im Städtchen anschauen.

Und nun geschehen Dinge, in denen Baudrillard und Aster nicht mehr deckungsgleich sind. Während die Wirklichkeit sich in Zeichensystemen auflöst, kommt plötzlich eine sehr reale Macht zum Zug. Mit dem Rechenzentrum, das gebaut wird und den schwarzgekleideten Terroristen, die wohl so etwas wie „Die Macht“ repräsentieren, setzt im Hintergrund eine Machtstruktur ihre Interessen in eine Realität um. (Nebenbei: Interessant übrigens, wie sich Filme aktuell schwarz-gepanzerter Menschen ohne Gesicht bedienen, um ein Symbol für die Unmenschlichkeit und Nicht-Greifbarkeit der Mächtigen bzw. ihrer Exekutoren zu finden. So wie Agamemnon in Christopher Nolans DIE ODYSSEE als eigentlicher Entscheider, als „Die böse Macht“, hinter dem ganzen Unterfangen des Trojanischen Kriegs steht. So steht Darth Vader plötzlich als Ur-Metapher für das ungreifbare Böse.)

Schwarze (staatliche?) Terroristen in den Diensten der Techindustrie, die mit immer neuen Rechenzentren ganz klar eine Welt weiter aufbauen, die mehr und mehr Hyperrealität entstehen lässt. Bei Aster gibt es diese kalt berechnende Realität hinter der Simulation: „Die alte Vorstellung von Demokratie als Bollwerk gegen Finanz- und Technologiemacht ist in diesem Moment gestorben.“

Baudrillard dagegen würde die schwarzen Gestalten der „Macht“ nicht als Einbruch der Realität sehen. Bei ihm gibt es die Realität hinter der Virtualität nicht mehr. Vielmehr ist auch der Macht die Realität abhanden gekommen, und sie versucht mittels der Krise sich wieder der eigenen Existenz zu versichern. „Man versucht, sich (…) mit Hilfe der Krise, der Negativität und der Anti-Macht (pouvoir) den Kreislauf der Macht wieder anzukurbeln. Doch alle diese Versuche sind lediglich Alibi-Lösungen der Macht und der Institutionen, um den Circulus Vitiosus (= Teufelskreis) ihrer Unverantwortlichkeit und ihrer grundlegenden Nichtexistenz, ihres déja-vu und ihres déja-mort zu zerschlagen.“ (S. 35)

Was die schwarzen Gestalten dagegen tun, lässt sich mit Baudrillards Begriff des „Orbitalen“ lesen: Sie schaffen die Bedingungen für noch mehr Hyperrealität. Die Macht erfasst die Realität von außen, übersetzt sie in Information und lässt sie nach eigenen Codes weiterzirkulieren. Code ersetzt Ereignis.

Und dabei ist das Rechenzentrum von Bedeutung, weil es reale Handlungen in Daten, Profile, Prognosen und Algorithmen verwandelt. In ihm steckt die Welt noch einmal, nämlich als Code, und dieser Code bestimmt zunehmend, was mit den Menschen in EDDINGTON geschieht. Ihre Existenzform steckt also längst in den Codes, die nicht nur von ihnen handeln, sondern über sie verfügen. Die Macht besitzt den Ort nicht mehr, sie berechnet ihn.

Jean Baudrillard: Agonie des Realen. Berlin : Merve Verlag 1978.

Eddington
USA 2025
Regie & Drehbuch: Ari Aster
Kamera: Darius Khondji
Musik: Bobby Krlic, Daniel Pemberton
Darsteller: Pedro Pascal, Joaquin Phoenix, Emma Stone, Austin Butler, Deidre O’Connell, Luke Grimes u.a.
Laufzeit: 145 min.

Fotos: ©
Leonine