Because the Night belongs to Pagans.

Baskenland im 17. Jahrhundert. Zeit der Hexenverfolgungen. Die junge, verheiratete Kattalin (Yune Nogueiras) hält es mit ihrem gewalttätigen Ehemann Pello nicht mehr aus, verlässt nachts den Hof und flieht in den Wald. Wir wissen nicht, ob sie verfolgt wird, aber sie erreicht einen Waschplatz, der mitten in der Nacht von drei älteren Frauen genutzt wird. Sie waschen nur zum Schein. In Wahrheit genießen sie die Freiheit, zu tun, was ihnen tagsüber verwehrt ist. Sie nehmen Kattalin auf, trinken und beginnen, Geschichten zu erzählen. Vier Geschichten, in denen Kattalin auch selbst als Figur vorkommt.

Was anfangs als etwas umständliche Erzählstruktur wahrgenommen wird, verdichtet sich zu einer faszinierenden Story aus unterschiedlichen Genres: Märchen, Fantasy, Exorzismus, Mythologie, Hexenverfolgung. Die Verdichtung geschieht nach und nach, denn erst nach und nach erkennen wir, dass die vier Nachtgeschichten Puzzleteile aus der Vergangenheit von Kattalin sind. Im Mittelpunkt steht dabei ihre Beziehung zu Maritxu (Erika Olaizola): Die beiden waren nicht einfach gute Freundinnen, sondern Geliebte. In der Sprache der vorherrschenden Kirche also Hexen. Genauso wie die drei alten Frauen auch als Hexen galten. Wahrscheinlich einfach eine andere Spezies.

Maritxu wird von einem katholischen Priester und Hexenjäger verfolgt, der den beiden im Wald tanzenden Frauen mit seinem Gewehr auflauert und dann – in einer irrwitzigen Wendung der Ereignisse – auf einen diabolischen Hasen schießt (der aber, soviel sei verraten, nicht zum Satansbraten wird). Weiter wird die Gepeinigte, wohl aber ihre Freiheit voll Auslebende, von einem Dämon besessen, der sie für ihre angeblichen Sünden bestrafen will. Freiheit in GAUA ist, was man sich in der Nacht nimmt. Der Titel selbst, GAUA, bedeutet „Nacht“ auf Baskisch. Darum geht es Regisseur Paul Urkijo Alijo: Um der christlichen Ordnung, dem katholischen Gesetz zu entfliehen, wird die Nacht zur Metapher. In der Nacht herrschen zwar Chaos, Monster und Unübersichtlichkeit, doch die Nacht bietet vor allem den Frauen auch Freiheit.

Hier bietet die Website Cineuropa einen interessanten Ansatz, was die Nacht außerdem vom Tag unterscheidet: Der Film sei „eine wahre Hommage an die mündliche Überlieferung, die vorwiegend von Frauen weitergegeben wurde und die er intelligent und subtil neu interpretiert“. Die strenge katholische Erzählung der alttestamentarischen Gesetzestafeln wird durch die mündlichen Erzählungen der „Hexen“ unterlaufen. Die Frauen erzählen sich ihre eigene Geschichte zurück. Die Nacht wird zu einem gesellschaftlichen Gegenraum, der den christlichen phasenweise überlagert und in einer Szenerie endet, die Antonionis ZABRISKIE POINT (1970) alle Ehre macht (mehr sei nicht verraten).

Es ist durchaus erlaubt, an Angela Carters und Neil Jordans THE COMPANY OF THE WOLVES (1984) zu denken, nennt doch Regisseur Urkijo Alijo gemäß Wikipedia den Film als ein Vorbild. Auch in diesem modern-märchenhaften Meisterwerk bildet eine weibliche orale Überlieferung die Struktur des Films. Doch die Mahnung der Großmutter, nachts im Wald nicht vom Weg abzukommen, wird von Rosaleen gerade nicht übernommen. Die mündliche Weitergabe von Frau zu Frau wird von Rosaleen unterlaufen, damit sie ihre eigene Sexualität abseits des Wegs kennen lernen kann. Dagegen geben die drei waschenden Frauen in GAUA der ausgeschlossenen Kattalin ihre Geschichte zurück.

In GAUA wird bildmächtig und raffiniert ein Fantasy-Exorzisten-Märchen gesponnen, das dem fantastischen Geschichten Erzählen seine Gegenmacht zugesteht, als eine Gegenmacht zu den am Tag vorherrschenden Narrativen. Und in der Nacht erhalten diese Geschichten ihre Macht.

Gaua / The Night
Spanien, USA 2025

Regie & Drehbuch: Paul Urkijo Alijo
Kamera: Gorka Gómez Andreu
Musik: Maite Arroitajauregi, Aránzazu Calleja
Darsteller: Yune Nogueiras, Elena Irureta, Ane Gabarain, Iñake Irastorza u.a.
Laufzeit: 91 min.

Fotos: ©
Irusoin