Gran Canaria surreal verfärbt.

Auch die Kanarischen Inseln sind eine völlig fremde Welt, wenn man sich ins Geflecht lokaler Personen und Organisationen begeben muss. Romy (Pom Klementieff) wurde als DJ in einem Club engagiert und nimmt für den Ausflug ihre Freundin Chloé (Freya Mavor) mit. Als DJ lässt es sich auf so einer Partyinsel tagsüber eben auch entspannen und Ferien machen, zumal Flug und Hotel ja bezahlt sind. Doch schon nach der Ankunft verhalten sich einige Locals merkwürdig und zuhause in Paris ist ihre Mutter Kimi (Mandico-Muse Elina Löwensohn), die seit dessen Geburt auf Romys Sohn aufpasst, schwer krank. Chloé und Romy lernen einige Menschen kennen, wir folgen Romy in den Nachtclub, in dem sie auflegen wird, wo seltsame (Ex-)Beziehungen unter Angestellten und Besitzer herrschen. Das alles berührt sie aber erst, nachdem sie während ihres DJ-Sets Chloé das letzte Mal auf der Tanzfläche gesehen hat. Dann ist sie verschwunden.

Besitzer Vincent (Benoît Magimel) hilft ihr bei der Suche nach ihrer Freundin, und wir lernen die Insel Gran Canaria von ihren düsteren Seiten kennen. Ein Horrortrip durch einen Swingerclub, eine von Gangstern dominierte Clubszene, eine geheimnisvolle Sekte und nicht zuletzt ein Tierpark mit Krokodilen und tropischen Vögeln sind Stationen eines wahnhaften Trips auf der Suche nach der Verschwundenen. Wahrscheinich nahm Romy Chloé aus Liebesgefühlen mit auf die Insel (deshalb der Titel MI AMOR), weshalb die Suche fieberhafte Züge annimmt. Um die Paranoia und die verzerrte Wahrnehmung von Romy zu verdeutlichen, haben Regisseur Guillaume Nicloux und Kameramann Romain Fisson die Sensoren der Filmkameras modifiziert. Durch diesen Eingriff entstand ein leicht verfremdeter Infrarot-Look, der die Farben der Umgebung verändert und zum Beispiel Landschaften und Pflanzen surreal verfärbt. Das Besondere dabei: Teint und Hautfarbe der Gesichter bleiben davon unberührt. In gewisser Weise hat diese Farbverfremdung auch mit der Auflösung des Geheimnisses zu tun, doch dieser Zusammenhang sei nicht verraten.

Man mag den Weg der Story nicht den originellsten finden, und sich köstlich darüber aufregen, dass einmal mehr in einem französischen Film eine wunderschöne junge Frau mit einem in die Jahre gekommenen älteren Herrn ins Bett steigt, doch Nicloux als erfahrener Serie Noir Regisseur erzeugt für MI AMOR einen eigenwilligen Stil, mit dem er einen nach meinem Geschmack durchaus beängstigenden Thriller erschafft. Dazu gehört auch der Einsatz eines treibenden Techno-Scores von Irène Drésel und Sizo Del Givry, der nicht ganz so nervenaufreibend ist wie der Score in SIRAT, aber den Spannungsbogen von MI AMOR um eine ungewöhnliche Stimmung erweitert.

Mi Amor
Frankreich 2026

Regie & Drehbuch: Guillaume Nicloux
Kamera: Romain Fisson
Musik: Irène Drésel, Sizo Del Givry

Darsteller: Pom Klementieff, Benoît Magimel , Freya Mavor, Elina Löwensohn u.a.
Laufzeit: 113 min.

Fotos: ©
IFFR