Filmpodium Zürich, 4. Oktober 2025.
Auf die Leinwand projiziert: Jessica Harper, vertraut, aber doch in Angst. SUSPIRIA. Darüber der Name des Gasts, Dario Argento. Darunter: „Alle Farben der Angst“. Das Filmpodium Zürich, das immer wieder mit einer breiten, vielseitigen Auslegung von Filmgeschichte besticht, hatte mit dem Großmeister des Giallo ein Date ausgemacht. Der Saal war voll mit Menschen, die aussahen, als hätten sie seit Dekaden auf genau diesen Moment gewartet. Mit dabei: Beweisstücke aus der Zeit, in der Horror noch grauenhaft, verboten, verachtet war, also DVDs, Filmplakate und vielleicht gar ein paar Videokassetten (irgendwie attraktiver für die Unterschrift einer Legende).
Als Dario Argento, in Begleitung von Tochter Fiore, den Raum betrat, war die Aufmerksamkeit eine andere. Ehrfurcht vor dem 85jährigen Meister. Befragt wurde er von Johannes Binotto, in Signature-Jeanshemd und -Halstuch. Binotto ist Hochschul-Filmwissenschaftler (Hochschule Luzern) und Filmpodium-Regular, der in mehreren Arbeiten Gialli nicht nur verteidigt, sondern ernst nimmt. Zürich ist für Argento nicht einfach eine x-beliebige Stadt, sondern die Stadt, in der er zwischen August und Oktober 1984 PHENOMENA (1985) gedreht hat, insbesondere im heutigen Museum Rietberg (weitere Drehorte in der Schweiz waren die Schwägalp und die Thurfälle in Unterwasser). PHENOMENA ist außerdem der einzige Film, in dem Tochter Fiore jemals mitspielte (sie war das erste Opfer).
Im Interview mit Argento stellte Binotto keine Fragen nach Inhalten, keine Detailfragen zu Filmischem, kein Insiderstuff, sondern zog einen großen Bogen rund um das Lebenswerk, und das Publikum konnte eintauchen in die Geschichten des Regisseurs. Wiedergeben lässt sich das am besten mit Direktzitaten in großer Ausführlichkeit, weil die Leser von Splatting Image wahrscheinlich interessierter sind an Argento als diejenigen irgendeines Mainstream-Filmmagazins. Leider sind nicht ganz alle Fragen und Antworten hier drin, die Schuld liegt am Aufnahmegerät. Angefangen bei Binottos Frage, was denn Argentos erster Kuss mit der Angst war.
„Es gab mehrere erste Begegnungen mit der Angst. Die erste liegt sehr lange zurück. Ich war ein Kind, und meine Eltern nahmen mich mit ins Theater, um ‚Hamlet‘ von Shakespeare zu sehen. Als der Geist von Hamlets Vater erschien – mit Rauch und seltsamen Lichtern –, war ich vier oder fünf Jahre alt. Ich war so erschrocken, dass ich zu schreien begann. Das war meine erste Begegnung mit der Angst. Es gab noch eine weitere Begegnung. Ich war älter und im Urlaub in den Alpen. Abends gab es dort ein Freiluftkino. Sie zeigten DAS PHANTOM DER OPER. Der Film beeindruckte mich sehr. Aber da verstand ich zum ersten Mal, dass Angst auch ein Vergnügen sein kann. Am nächsten Tag ging ich wieder hin – und jedes Mal, wenn der Film lief, war ich da, um dieses Gefühl der Angst erneut zu erleben.“
Und wer Argentos Autobiografie gelesen hat, kennt den Korridor, auf den Binotto Argento in der Folge anspricht: „Ich war der Älteste der Familie. Meine jüngeren Geschwister gingen früher ins Bett. Ich musste allein einen langen Korridor entlanggehen, mit Fenstern an den Seiten. Jedes Mal war das eine starke emotionale Erfahrung. Ich stellte mir vor, dass sich die Fenster öffnen könnten, dass etwas passieren könnte. Diese Angst habe ich jahrelang erlebt – und später in meine Filme übertragen. In meinen Filmen gibt es immer wieder lange Korridore, die mit Angst durchquert werden. Manchmal ist niemand da, nur die Kamera, die langsam voranschreitet.“
Wie so viele große Regisseure begann auch Argento als Filmkritiker. „Ich begann als Korrektor. Dann schrieb ich Bildunterschriften, kleine Artikel und Interviews. Ich interviewte John Wayne, Fritz Lang … das gab mir Gewicht in der Redaktion. Später wurde der Filmkritiker der Zeitung schwer krank, und man bat mich, ihn zu vertreten. Er kam nie zurück – und so blieb ich Kritiker. Bis ich begann, Drehbücher zu schreiben und Regie zu führen.“
Argento begann als Drehbuchautor, und Binotto spricht die erste Arbeit an einem Film an: SCUSI, LEI È FAVOREVOLE O CONTRARIO? (1966) von Alberto Sordi. In dem Argento sogar eine kleine Rolle spielt: als Priester. Seine bekannteste Drehbucharbeit war allerdings in Zusammenarbeit mit Bernardo Bertolucci, für Sergio Leone SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (1968, C’ERA UNA VOLTA IL WEST). „Bernardo Bertolucci war seit jeher mein Freund, daher war es sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Wir kannten uns, gingen zusammen ins Kino, zum Essen, ins Restaurant. Kurz gesagt, wir waren gute Freunde. Und so war es für uns sehr angenehm, dass Leone uns zusammenbrachte, damit wir sein Drehbuch, und dann auch das Treatment schreiben. Und so arbeiteten wir monatelang an diesem Film. Dann gab es eine böse Überraschung, denn als wir vor dem Notar standen, teilte er uns die Gage mit, die er uns zahlen würde. Und das war eine sehr geringe Summe für eine Arbeit von vier oder fünf Monaten. Es waren fünfhunderttausend Lire pro Person. Sehr wenig. Als wir hinausgingen, sagte Bernardo: Nein, ich werde es jetzt zurückgeben, ich gehe hinauf und sage: Nein, das will ich nicht, und schmeiße es ihm vor die Füße. Ich: Wir werden unseren Weg alleine gehen, ohne etwas zu brauchen. Schließlich sagte auch Bertolucci: Du hast Recht … ich behalte es.“
Argento erzählt von einer weiteren Drehbuchmitarbeit, für Robert Hosseins Film FRIEDHOF OHNE KREUZE (1969, UNE CORDE, UN COLT …). Hossein allerdings sei eine seltsame Type gewesen: „Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal zu ihm nach Hause ging, in das Haus, das er in Rom gemietet hatte, klopfte ich an und die Haushälterin öffnete mir die Tür. Dann lief sie schnell davon. Ich suchte das ganze Haus ab, aber er war nicht da. Wo ist Hossein? Wo ist Hossein? Ich dachte: Vielleicht liegt er noch im Bett. Also ging ich ins Schlafzimmer, öffnete die Tür und sah ihn mit zwei nackten Frauen im Bett. Und er sagte zu mir: Hallo, Dario, wie geht es dir? Gut, alles in Ordnung? Ich war erst mal erschrocken, doch er sagte: Jaja, du kannst auch dazukommen. Ich: Nein, ich bin jetzt angezogen. Ach, wirklich? Na gut, macht nichts. Wir sehen uns später. In einer Viertelstunde, zwanzig Minuten.“
Eines der wichtigsten Themen in Argentos Werk ist sicher die Komplexität der Wahrnehmung: „Weil es etwas ist, das vielleicht schon seit meiner Kindheit in mir steckt. Was man sieht und was man nicht sieht. Man sieht und weiß nicht, ob es die Wahrheit ist. Tatsächlich sage ich das im Film. In PROFONDO ROSSO sagt der Pianist zu einem Protagonisten, er sagt mir, es gibt Dinge, die man sieht, aber man weiß nicht, ob diese Dinge, die man sieht, wahr sind. Es kann sein, dass sie nur in deiner Fantasie existieren und daher nicht wahr sind. Das ist das Geheimnis meiner Vision.“
Und wie war das denn gleich mit dieser riskanten Idee, dass man „es“ hätte sehen können, doch niemand sieht es beim ersten Mal: „Ich saß im Auto und fuhr. Wenn man fährt, ist man still, man ist in sich selbst versunken und träumt vor sich hin. Ich erinnere mich, dass mir irgendwann beim Träumen ein Bild oder diese Idee gekommen ist, dass vielleicht in einem Bild sich etwas spiegeln könnte (also das, welches dann im Film PROFONDO ROSSO zu sehen ist). Also eilte ich zurück ins Büro, schrieb sie auf und baute sie in den Film ein. Und so wurde es der Dreh- und Angelpunkt des Films, der wichtigste Punkt, wie in einem anderen Film, DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE. Ein Bild über der Galerie zeigt ein schönes Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, rein. Und einen Mann, schrecklich gekleidet in Schwarz, und beide haben ein Messer in der Hand. Und wer von beiden sticht auf den anderen ein? Wer von beiden ist der Mörder? Ein weiterer Moment, den ich mir ausgedacht habe, weil der Mörder nicht eine schöne, weiße und reine Frau sein könne … sie war es nicht, sondern es muss doch der schwarz gekleidete Mann sein. Einfach, weil wir ein falsches Bild vom Leben haben.“
Ein großer Themenkomplex bei Argento ist natürlich die Kunst, insbesondere sind es die Architektur und die Musik. „Ich muss dazu erwähnen, dass ich alle Arten von Musik liebe. Klassische Musik, Opernmusik, Rockmusik. Ich höre gerne Musik und lasse mich von diesen fantastischen Klängen mitreißen. Ähm, also… kurz gesagt, meine Zusammenarbeit mit Ennio Morricone war wunderschön. Wir haben übrigens nicht drei Filme gedreht, sondern fünf. Wir haben mit großer Freundschaft zusammengearbeitet. Mit Goblin habe ich natürlich mehr gemacht, weil sie später dazukamen. Und es gibt einen Film wie eine Oper, in dem es viel Opernmusik gibt, sieben oder acht Opernstücke. Die Oper … als ältester Sohn war es meine Aufgabe, meine Großmutter ins Opernhaus zu begleiten und mit ihr zusammen die Opern anzuhören. Zugegeben, ich bin die ersten Male eingeschlafen. Doch nach und nach begann ich, dieses Genre zu lieben, und so wurde ich später ein großer Fan der Oper. Die Wunderwerke von Verdi, Gounod, kurz gesagt, von allen großen Musikern, Bizet, den großen europäischen Komponisten.“
„In SUSPIRIA haben wir zum Beispiel eine Escher-Straße, die es gibt. Und De Chirico, ja, etwas Surreales. Und ja, natürlich. Seit meiner Jugend bin ich begeistert von Museen. Ich liebe es, Kunstwerke, Gemälde und Skulpturen zu betrachten. Als ich die Möglichkeit hatte, habe ich sie in meinen Filmen eingebaut. Es ist alles da: Caravaggio, Boticelli, es gibt so viele Künstler, die mich inspiriert haben. In DAS STENDHAL SYNDROM ist Rembrandt, die ‚Nachtwache‘. Und da ist die Frau, die das Gemälde ansieht und beeindruckt ist und sich von dem Gemälde angezogen fühlt, und sich in den Raum des Gemäldes begeben will. Und dann aber merkt, dass sie noch in ihrem normalen Ambiente ist.“
Binotto bemerkt, dass Argentos Auftritte in seinen Filmen sich oft auf Hand und Stimme fokussieren, zu sehen vor allem am Anfang von TENEBRAE. Argento: „Ich tauche gern in den Film ein, den ich gemacht habe. Ich habe darüber nachgedacht, also ist es mein Film. Es ist etwas von mir, etwas zutiefst Persönliches. Darum ist es manchmal meine Stimme, die spricht, die erzählt. In vielen Filmen ist es meine Stimme, die erzählt, weil ich es liebe, in Filme einzutauchen, mich ganz und gar auf sie einzulassen, dieses geheimnisvolle Werk zu vollbringen, das darin besteht, sich sein eigenes kulturelles Werk anzueignen und es zu etwas Realem zu machen.“
Argentos Tochter Fiore am Anfang von PHENOMENA, Tochter Asia später in drei Filmen: „Es ist schön, mit der Familie zu drehen. Zum Beispiel mit Asia, die nicht drei, sondern fünf Filme gedreht hat. Sie kannte mein Kino, weil sie schon als Kind zum Set kam und sah, wie ich arbeitete, wie ich drehte, wie ich mit den Schauspielern sprach. Und als es dann zu einem Film kam, bei dem ich ihr die Hauptrolle geben wollte, nämlich TRAUMA, fühlte sie sich sehr wohl. Sie hatte keine Probleme, diese Rolle zu spielen, und seitdem hat sie jedes Mal, wenn sie mit mir gearbeitet hat, ihr Bestes gegeben. Während Fiore zwar nur eine kleine Rolle in PHENOMENA hatte, die jedoch sehr, sehr stark war.“
Nach einigen (nicht aufgezeichneten) Fragen aus dem Publikum richtete sich Argento noch einmal an die Schweiz, und forderte die Schweizerinnen und Schweizer auf, sich stärker und sichtbarer gegen den Völkermord in Gaza zu engagieren. Ohne Israel oder Palästina beim Namen zu nennen, aber mit dem klaren Bezug auf die Demonstration drei Tage zuvor in Rom, bei der über 100 000 Menschen anwesend waren. „Volevo dire che in questo momento in tutta Europa c’è un grande movimento di giovani”. (In gerade diesem Moment gibt es eine große Bewegung von jungen Menschen in ganz Europa.) Auch junge Schweizer könnten in den sozialen Medien mobilisieren und möglichst viele Menschen für diese Sache auf die öffentlichen Plätze bringen.
Was das Filmpodium in den Monaten nach dem Gespräch mit Argento im Oktober zeigte, war eine kleine Werkschau mit den wichtigsten Argentofilmen (ihr kennt sie) plus (unter anderem) DARK GLASSES und die praktisch unbekannte, selten erwähnte Komödie LE CINQUE GIORNATE (1973) mit Adriano Celentano. Dazu verwandte Werke wie Antonionis prägenden BLOW UP (1966) und Mario Bavas SEI DONNE PER L’ASSASSINO (1964), sowie zwei Gialli der 1980er Jahre: Lamberto Bavas DEMONI (1985) und Michele Soavis DELIRIA (1987) – und einige mehr.