Retortenhirn auf Abwegen.

Das Ostalgica-Label hat in letzter Zeit Freunde osteuropäischer Science Fiction mit Blu-ray-Veröffentlichungen von Filmen erfreut, von denen man nie gedacht hätte, dass sie hierzulande herauskommen würden, darunter Der Test des Piloten Pirx (1979), Die Frau aus dem All (1981), Phaeton an Erde (1981) und Mondscheinbogen (1983). Während das Label Filmjuwelen sich auf bekanntere Werke wie Der schweigende Stern (1960), Ikarie XB 1 (1963) und Solaris (1972) beschränkt, macht es damit Ostalgica den Weg frei, sich um kommerziell schwierigere, weil weniger populäre Werke zu kümmern. Mit Der Gast aus der Zukunft (1979) ist jetzt ein Film aus der Sowjetunion hinzugekommen, der, obwohl er in der DDR im Kino und im TV zu sehen war, selbst bei Fans des Genres eher unbekannt ist. Dass Ostalgica ihm eine Blu-ray spendiert, ist lobenswert und eine kleine Sensation.

POD SOZVEZDIEM BLIZNETSOV, im DDR-Fernsehen auch unter dem originalgetreuer übersetzten Titel UNTER DEM STERNBILD DER ZWILLINGE zu sehen gewesen (der Titel der von Ostalgica abgetasteten Defa-Filmkopie lautet allerdings DER GAST AUS DER ZUKUNFT) entstand unter der Regie von Boris Iwtschenko im Dowschenko-Studio Kiew. Die Handlung beginnt zunächst im Stil eines mysteriösen Thrillers: Aus einem Forschungsinstitut wird ein hochentwickeltes künstliches Gehirn namens „Sigom“ gestolen, zwei Roboter sind ebenfalls verschwunden. Kurz darauf geschehen in der Stadt unerklärliche Ereignisse. Ein Kleinbus prallt auf der Autobahn auf ein Hindernis und landet im Graben, auf der Frontseite des Fahrzeugs zeigt sich die Einbeulung in Form einer Hand von scheinbar übermenschlicher Kraft, Zootiere werden freigelassen und laufen wild auf den Straßen herum, im Stadtarchiv wird ohne Spuren zu hinterlassen eingebrochen, alle Bücher sind durcheinandergebracht. Polizeikommissar Tarnov (Boris Belov) soll den Täter finden und wird dabei, zunächst noch zögerlich, vom Schöpfer des Kunsthirnes, Professor Yavorovskiy (Vsevolod Gavrilov) unterstützt.

Während der Film auf der einen Seite die kleinteilige Polizeiprozedur dokumentiert, führt er uns parallel an die Schwarzmeerküste, wo ein stattlicher junger Mann zunächst wie ein Fischmensch dem Ozean entsteigt und dann ein unheilbar krankes Kind und einen Senioren in einem Krankenhaus gesunden lässt. Ein von einem Militärhubschrauber abgeschossenes rätselhaftes Flugobjekt entpuppt sich als aus Teilen der verschwundenen Roboter konstruiert und bringt Tarnov und Yavorovskiy auf eine Spur: Das aus einem künstlichen organischen Stoff bestehende Hirn „Sigom“ hat sich einen menschlichen Körper erschaffen und begonnen, seine Umwelt zu erkunden. Gennadi Shkuratov spielt den gutaussehenden „Sigom“ und sieht dabei aus wie Sky Dumont in seinen besten Jahren. Erschaffen wurde das Gehirn, um einmal eine Raumexpedition ins Sternbild der Zwillinge zu ermöglichen, ist es nun zur Bedrohung oder Chance für die Menschheit geworden?

Über Der Gast aus der Zukunft ist hierzulande im Netz so gut wie keine Information aufzufinden. Wenig ermutigend ist die Kritik des Filmdienst: „Ein Film, der nur Unterhaltung von mäßiger Spannung liefert“. Im Veröffentlichungsjahr war der Film im Westen auf dem Trieste Science-Fiction Festival zu sehen, der Korrespondent des bundesdeutschen Fachmagazins VAMPIR war ebenfalls wenig beeindruckt, fragte sich, warum der „russische Supermann“ nicht gegen die Ostblock-Diktatur revoltieren würde und monierte: „Der Film ist so öde und reizlos wie die meisten in den letzten Jahren in Triest gezeigten russischen Beiträge – geschwätzig statt bildhaft, erklärend statt zeigend, von entsetzlicher Langatmigkeit und voll dürftiger Trickaufnahmen“.

Hier wage ich allerdings entschieden zu widersprechen, mich hat der Film spannend unterhalten und mir eine volle Dosis des so geliebten „Ost-SF-Flair“ geboten. Stilistisch ist er heutzutage, im Zeitalter glattgebügelter Netflix-Ästhetik, ein Genuss, mit Cinemascope-Bildern und modernistischer Handkamera holt er visuell viel aus Personenarrangements und Architektur heraus. Obwohl er fast ausschließlich in s/w entstanden ist, gibt es in den ersten beiden Dritteln des Filmes immer wieder kurze Farbeinsprengsel (Verkehrsampeln, blinkende Techniklichter), während die späteren Szenen am Schwarzen Meer komplett in Farbe aufgenommen wurden.

Drehbuchautor Iwan Mikolaitschuk schrieb das Skript gemeinsam mit dem ukrainischen SF-Autor Igor Rossochowatowski (1929-2015), dessen Werke über künstliche Menschen („Sigom“-Zyklus), Robotik und ethische Fragen der Wissenschaft in der Sowjetunion und Polen viele Leser fanden. Seltsamerweise wurden seine Romane und Kurzgeschichten (anders als z.B. die seiner Kollegen Strugatzki oder Bulytschow) nicht breit ins Deutsche übersetzt, mir sind keine seiner Kurzgeschichten in DDR-Anthologien untergekommen. Einige Quellen deuten an, dass Der Gast aus der Zukunft auf Rossochowatskyjs Erzählung „Гость“ („Der Gast“) basieren soll, in der es allerdings um etwas anderes geht: Eine Forschergruppe begegnet einem rätselhaften Wesen, das nicht eindeutig als Mensch identifizierbar ist. Ist er ein künstliches Wesen oder ein Außerirdischer? Je mehr sie ihn untersuchen, desto unklarer wird die Antwort.

Es existiert auch eine Kurzgeschichte namens „Близнецы“ („Gemini / Zwillinge“), aber trotz der Übereinstimmung mit dem Originaltitel des Filmes geht die Handlung auch hier andere Wege: Im Zentrum steht ein Experiment, bei dem ein Mensch mit einem künstlichen Doppelgänger konfrontiert wird, der nicht nur identisch aussieht, sondern auch dieselben Erinnerungen besitzt und nahezu gleich auf Situationen reagiert. Ist er selbst das Original oder könnte er gar die Kopie sein? Ich halte es für denkbar, dass Der Gast aus der Zukunft nicht auf einer konkreten Erzählung von Igor Rossochowatskyj beruht, sondern mit dem „Sigom“-Motiv ein zentrales Konzept seiner Werke verarbeitet: Ein künstliches Gehirn entwickelt ein eigenes Bewusstsein, entzieht sich der Kontrolle und überschreitet die Grenze vom Experiment zum eigenständigen Wesen. Dass der Film im DDR-Fernsehen unter dem originaleren Titel Unter dem Sternbild der Zwillinge zur Aufführung kam, ist nachzuvollziehen, macht der erste deutsche Titel doch wenig Sinn: dieser Gast kommt nicht aus der Zukunft, sondern der Retorte.

Die Figur des „Sigom“ als Proto-KI macht den Film heutzutage natürlich ebenso aktuell wie die deutlich negativeren Werke COLOSSUS (1970) oder DEMON SEED (1977). Als Ostalgica den Film ankündigte, entspann sich in den Foren und Sozialen Netzwerken interessanterweise eine hitzige Debatte über das KI-generierte Blu-ray-Cover. Das Label argumentierte, es gäbe von dem seltenen Film kein zufriedenstellendes Originalartwork, Fans argumentierten, das KI-Bild sähe banal und generisch aus. Was wohl „Sigom“ dazu sagen würde?

Die Abtastung der Kinorolle ist Ostalgica gut gelungen, bis auf einige Abnutzungen hier und da gibt es nichts zu bemängeln. Außer einer Bildergalerie und der thematisch nicht mit diesem Film in Verbindung stehenden Super-8-Version (stumm + s/w) von Der schweigende Stern ist kein Bonusmaterial vorhanden, aber wie bereits gesagt: Grandios, dass solch ein Film überhaupt als Blu-ray herauskommt.

Pod Sozvezdiem Bliznetsov
UdSSR 1979

Regie: Boris Iwtschenko
Drehbuch: Iwan Mikolaitschuk, Igor Rossochowatowski
Kamera: Sergei Stasenko
Darsteller: Wsewolod Gowrilow, Gennadi Schkuratow, Boris Below, Gula Taschbajewa u.a.
Laufzeit: 90 min.

Fotos: ©
Ostalgica

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