Für einen heranwachsenden Jungen mit gerade einmal zehn Jahren steht für gewöhnlich der Tod nicht im Fokus seines Denkens. Denn es liegt noch so viel vor ihm, was erlebt, bewältigt, errungen werden will. Das Sterben vollzieht sich zumeist an der Peripherie seines Weges, bei den Alten, Verwandten, Großeltern. Doch für Edward ist das Leben anders und das, was wohl nach dem Leben kommt, übt auf ihn zumeist die wesentlich größere Faszination aus als die sichtbare Realität, mit der er tagtäglich konfrontiert wird. Das liegt nicht einmal so sehr an der Zeit in der er lebt, denn jede Zeit hat ihre ureigenen, ganz besonderen Herausforderungen, stets bedarf es Antworten auf immer neue Fragen.
Seine Welt liegt im Großbritannien der Endachtziger direkt an der Kanalküste, oft ist es diesig und nie scheint wirklich die Sonne. Seine Eltern, noch nicht alt und doch in ihrem Tagwerk sehr schwer eingefahren, führen ein Leben, bei dem das Eigene mitunter auf der Strecke bleibt: in ihrem privat betriebenen Altersheim spielen die greisen, tattrigen und senil gewordenen Alten, denen die Selbstkontrolle abhandenkommt, die Hauptrolle. Edwards Mutter liebt, schuftet und trägt Schürze, der Vater seinen Vokuhila und meint einstweilen, doch irgendetwas in seinem Leben verpasst zu haben. Zwischen alten, sterbenden Menschen und einer dysfunktionalen Elternbeziehung scheint für den zehnjährigen Edward das Interesse an Übersinnlichem, an Geistern, der einzige Weg sich aus der auf den ersten Blick wenig kindgerechten Umgebung hinwegzuträumen.
Doch dann kreuzen sich die Wege von Edward und dem lebenssatten Ex-Zauberer Clarence, der – wenn es denn eine Wiedergeburt gibt – am liebsten ein Dachs sein möchte, weil sie schön aussehen und immer so schlecht gelaunt sein dürfen, wie er meint. Clarence hat neben allerlei Lebensweisheiten auch das Gespür für die Wichtigkeit des Lebens im Gepäck. Er kann Edward Dinge lehren, für die es anderen Menschen seiner Umgebung an Zeit oder Verständnis mangelt. Denn genauso wie Edward eben ein großes Stück sein Schauspieler Bill Milner ist, der mit einer Mischung aus Altklugheit und neugieriger Chuzpe diesen jungen Sonderling interpretiert, so ist jener Clarence eben der wundervolle Michael Caine, dem man die Reife und Wehmut seiner langen Karriere anmerkt, der die ganze Kenntnis eines gelebten Lebens in diese Altersrolle legen kann. Untergründig, ohne laute Manierismen, mit stiller Hoffnung und leiser Bitte um Vergebung versieht Caine seinen traurigen Clown, macht aus ihm den zaubernden, alten Großvater, dem man abends so gern bei seinen Geschichten ‚von früher‘ zugehört hat.
Michael Caine ist förmlich dieser Clarence, der auf der Suche ist nach einem Ende in innerem Frieden, der bei seiner großen Liebe – die er durch sein Verschulden hat gehen lassen – noch immer etwas gut machen will. Dass Caine in der nun erstmals vorliegenden deutschen Fassung vom großen Sychronaltmeister Eckart Dux gesprochen wird, bestätigt die Vermutung, dass Clarence die in die Jahre gekommene Reinkarnation jenes brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholten Schwerenöters Alfie Elkins ist, den Michael Caine schon gute 40 Jahre zuvor gespielt und Eckart Dux ihn in dieser Rolle synchronisiert hat. Gerade mit diesem Hintergrund in petto kann Clarence dem jungen Edward etwas über das Leben beibringen. Über die richtigen Töne im rechten Moment, über das Weinen zur gegebenen Zeit, über eine humorvolle Replik an der passenden Stelle, über das Schweigen, wenn die Worte fehlen. Das Leben will leben weil es gar nicht anders geht. Leben nicht aus Behauptungen und Vermutungen, sondern aus Erfahrungen und Erlebnissen – Leben aus Leben.
Das Älterwerden kann man nicht auf morgen verschieben – doch das Wertachten des Lebens in all seinen Fasern schon gleich gar nicht. Der junge Edward und der alte Clarence sind alterslose Verbündete im Geiste, die uns in ihrer Unterschiedlichkeit diese Gewissheit mit großem Charme und kleiner Geste entgegentragen. Wenn man seinen Frieden mit dem Leben macht und die Lehren aus den Ratschlägen der Alten zieht, dann wird man für jede Phase seines Älterwerdens die richtigen Antworten finden – oder Menschen, die einem dabei auf die Sprünge helfen. Und vielleicht begegnet einem auf der Suche nach dem immerwährend rollenden Ball der eigenen Geschichte im Unterholz ein Dachs, der einen neckisch anblinzelt und dann wieder seiner Wege geht.
Man muss dem Leben dankbar sein für solche Momente, wenn IS ANYBODY THERE? die titelgebende, selbstgestellte Frage mit hintergründiger Gewissheit bejaht. Ob nach dem Tod ein Leben ist, das wissen die Götter und der Glaube. Doch dass vor dem Tod ein Leben ist, dürfte nunmehr jedem klar sein. THERE IS ANYBODY!
Is anybody there?
United Kingdom 2008
Regie: John Crowley
Darsteller: Michael Caine, Bill Milner, David Morrissey, Anne-Marie Duff, Leslie Phillips, Peter Vaughan u.a.
Laufzeit: 95 min.